über mich
bGE statt AfD [ein Blog]

Willkommen auf meinem politisch-philosophischen Blog. Hier möchte ich auf sachliche, nicht polemische Weise die Denkfehler der AfD aufzeigen und dabei für eine "Alternative zur Alternative" werben: ein weltweites bedingungsloses Grundeinkommen.


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30. Oktober 2019 [allgemein]
Wie kann man sich engagieren?
Manche meiner Leser dieses Blogs hier stimmen vielleicht schon allem, was ich hier schreibe, zu: Sie sind für das bGE, sie sind gegen die AfD... Doch auf die entscheidende Frage bin ich noch nicht eingegangen - nämlich, was kann man als Einzelner überhaupt konkret tun, um die gute Sache in unserer Gesellschaft voranzubringen? Es gibt hunderte Arten, das zu beantworten. Hier beschränke ich mich erst mal auf eine. Aus meiner Sicht sind Bodenzeitungsaktionen eine sehr gute Möglichkeit, sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen und zugleich vielleicht auch gegen Fremdenfeindlichkeit zu engagieren.
Unter einer Bodenzeitung versteht man ein Plakat aus stabilem Material, das man auf den Boden legt, sodass Leute, die daran vorbeigehen, es sehen können (die Wortbildung versteht sich, glaube ich, in Analogie zur Wandzeitung). Auf einer Bodenzeitung fürs Grundeinkommen steht dabei üblicherweise die Frage "was würdet ihr tun, wenn für euer (Grund-)Einkommen gesorgt wäre", und darunter stehen dann mehrere Antwortmöglichkeiten, wie etwa "mich selbstständig machen", "erst mal die Seele baumeln lassen", "das gleiche tun wie bisher". Und jeder, der will, kann dann eine dieser Antworten auswählen, zum Beispiel indem man mit einem Filzstift einen Strich daneben malt oder ein Steinchen daneben legt. Beide Varianten wurden schon ausprobiert und beides hat hervorragend funktioniert. Auf der Homepage der Frankfurter BGE-Initiativgruppe gibt es auch einen Bericht dazu.
Nun waren die bisherigen Bodenzeitungsaktionen erst einmal alle nur für das bGE, oft in Verbindung mit Wahlwerbung für die Partei Bündnis Grundeinkommen, aber ohne Bezug auf irgendwelche andere Themen. Doch würde ich eine solche Verbindung sehr naheliegend finden, denn die Wurzel von Fremdenfeindlichkeit sind immer diverse Ängste, und zwar ganz konkret oft die Angst, dass die eigene Existenz nicht gesichert sein könnte. Ist diese Sicherheit da, dann kann man sich auch viel entspannter und unvoreingenommener mit dem Neuen, dem Fremden auseinandersetzen.
Tatsächlich habe ich bei solchen Bodenzeitungsaktionen - während der letzten beiden Jahre fanden vier oder fünf davon hier in Frankfurt am Main in der Fußgängerzone statt - diese besondere Atmosphäre auch immer wieder erlebt: Es kamen da Leute von der AfD, mit denen man (natürlich) oft über "Ausländer" sprach, aber dann kamen auch die Ausländer selbst und haben ihre jeweilige Antwort ausgewählt, und dann ist man mit denen auch ins Gespräch gekommen. Manchmal kamen sogar Leute, die wirklich direkt gerade aus anderen Ländern kamen, zum Beispiel aus Marokko oder aus Indien, und die haben einen dann auf Englisch gefragt, was da auf dem Plakat steht. Und wenn man denen das erklärt hat, waren sie mitunter auch sehr angetan und haben gesagt, dass sie sich das für ihr eigenes Land auch wünschten. Tatsächlich ist das Konzept des "basic income" ja mittlerweile in anderen Teilen der Welt auch nicht mehr ganz unbekannt... Und wenn man so an der einen Hand zum Beispiel mal einen Inder, an der anderen jemanden von der AfD hat, dann entstehen andere Gespräche als man es etwa bei Demos zwischen "Nazis" und linken Gegendemonstranten bisher gewohnt ist. Ich glaube, dass das eine wirklich produktive und zielführende Art und Weise ist, sich gegen Hass und Vorurteile zu engagieren.
Der Aufwand für eine solche Bodenzeitung besteht im wesentlichen darin, dass diese einmal gedruckt (oder von einer anderen Initiative ausgeliehen) werden muss, die jeweiligen Terminen bei der zuständigen Behörde in der Stadtverwaltung angemeldet werden muss sowie natürlich jeweils die Bodenzeitung zu ihrem Bestimmungsort in der Fußgängerzone transportiert, dort ausgerollt und anschließend wieder abtransportiert werden muss.
Je nach eigenem Geschmack kann man auch noch ein "Fähnchen" (zum Beispiel eine Beachflag) daneben aufstellen oder irgendwelche Flyer verteilen. Und mehr als drei oder vier Leute braucht man für so eine Aktion gar nicht, zumindest nicht nach meiner Erfahrung.
Schreibt mir gerne, was ihr so darüber denkt, oder ob es vielleicht in eurer Stadt auch schon mal so etwas ähnliches gegeben hat. Ich persönlich finde, dass es von solchen Aktionen eigentlich nie genug geben kann, denn nur so kommen die Menschen wirklich zum Nachdenken.

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29. Oktober 2019 [Umgang mit der AfD]
Stolz sein auf Deutschland...
Nicht jeder AfD-Wähler ist ein Nazi. Trotzdem ist es auch eine Tatsache, dass es innerhalb der AfD einen nationalistischen Flügel gibt. Und wer sich vorgestern die Wahlergebnisse bei der Landtagswahl in Thüringen genau angeschaut hat, der wird kaum abstreiten, dass viele frühere NPD-Wähler diesmal die AfD gewählt haben, da es wohl offenbar zumindest gewisse inhaltliche Überschneidungen zwischen diesen Parteien gibt. Aus diesem Grund möchte ich mich heute auch wirklich mal mit den Rechtsextremen im engeren Sinne befassen. Und was es mit "stolz sein auf Deutschland" so auf sich hat.
In meiner Sturm- und Drangzeit als junger Erwachsener habe ich mir auch schon mal Musik aus diesem Milieu angehört, und wer das vielleicht (was ja verständlich ist) noch nicht gemacht hat, dem empfehle ich da zum Einstieg Frank Rennicke. Dabei handelt es sich um einen deutschen Liedermacher, der vom musikalischen Stil her ein bisschen an Reinhard Mey erinnert, nur dass er eben auch politische, genauer gesagt nationalistische und rechtsradikale Lieder singt. Einige seiner frühen Alben aus den späten achtziger Jahren wurden von den deutschen Behörden deswegen auch indiziert, und inzwischen ist er bei der eben erwähnten NPD, für die er auch schon mal als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl angetreten ist.
Der Grund, warum es interessant und aufschlussreich sein kann, in seine Lieder mal reinzuhören, ist, dass Frank Rennicke so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner zu sein scheint zwischen den ansonsten sehr heterogenen rechtsextremen Gruppen in Deutschland. Wer sich das anhört, der bekommt zumindest ein ungefähres Gefühl dafür, was Rechtsextremismus aus der Innenperspektive bedeutet und kann darauf aufbauend dann Strategien entwickeln, wie man dagegen argumentieren kann.
Ich will das hier nur beispielhaft an einem einzigen Lied machen, wobei wir schon hier auf eine erste Schwierigkeit stoßen: Worauf genau soll ich hier verlinken, damit ihr als Leser euch davon schnell und einfach ein Bild machen könnt? Denn die Videos auf Youtube sind naturgemäß meist nicht von ihm selbst veröffentlicht, sondern von irgendwelchen anderen Leuten, die jeweils noch ihre eigenen politischen Ansichten in die optische Gestaltung haben mit einfließen lassen. So bekommt man dann mitunter nur ein verzerrtes Bild vom ursprünglichen Geist des jeweiligen Liedes. Mit dieser Verzerrung müssen wir uns natürlich ebenfalls beschäftigen, denn nicht nur die eigentlichen Lieder sind wichtig, sondern auch, wie die Menschen sie aufnehmen und was sie in ihnen auslösen. Nur würde ich das gerne in zwei getrennte Gedankenschritte zerlegen, sodass wir uns wirklich ein realistisches Bild von der rechtsextremen Szene in Deutschland machen können. Dies alles im Hinterkopf habend, verlinke ich hier auf eines der Lieder von Frank Rennicke aus seinem Album "Deutsche Freiheitslieder 1848".
Dieses Lied ist zugleich typisch und untypisch für Rennicke. Untypisch ist es insofern, als dass sich wirklich nur dieses eine Album direkt auf das neunzehnte Jahrhundert bezieht. Alle anderen haben eher den Zweiten Weltkrieg oder das heutige Deutschland uns seine Gesellschaft zum Thema.
Typisch ist es zum einen insofern, dass der musikalische Stil in den meisten Liedern (wenn auch nicht in allen) ungefähr so ähnlich ist wie hier. Zum anderen sagt auch der Text dieses Liedes, glaube ich, so einiges über Rennicke aus, und auch über die heutigen Rechtsextremisten und Nationalkonservativen in Deutschland ganz allgemein.
Die Texte auf diesem Album, so auch dieses hier, wurden zum größten Teil nicht von Rennicke selbst gedichtet, sondern sind echte, historische Lieder, die er nur stellenweise neu interpretiert, um sie für moderne Hörer verständlicher zu machen oder auch besser in die Ideologie moderner Nationalisten einzufügen.
Und schon hier wird das alles auch gleich ziemlich interessant, denn der Nationalismus geht ja auch tatsächlich bis ins neunzehnte Jahrhundert zurück, und Rennicke erinnert hier also seine Zuhörer gewissermaßen an die eigenen Wurzeln. Für jemanden, der sich zuvor noch nie intensiv mit deutscher Geschichte beschäftigt hat und im Unterricht in der Schule nur immer mit halbem Ohr zugehört hat, für den kann das daher ein Bildungserlebnis sein. Denn wenn man heute die Leute auf der Straße fragen würde, wieviele könnten tatsächlich erklären, worum es im besagten Revolutionsjahr 1848 wirklich ganz genau ging?
Anders als vor zwanzig Jahren, als Rennicke diese CD herausbrachte, genügt heute schon ein kurzer Blick in die Wikipedia, um sich darüber schlau zu machen. Kurz gesagt ging es um zwei Ziele, nämlich erstens und vor allem um mehr Demokratie in den verschiedenen deutschen Ländern, und zweitens auch um einen einheitlichen Nationalstaat.
Hier erkennt man auch sehr schnell die Widersprüchlichkeit aller modernen rechtsextremen Ideologien... Doch bevor ich darauf genauer eingehe, möchte ich auch noch einmal kurz erklären, was ihre Faszination und Anziehungskraft vielleicht ausmacht, und warum sie aus diesem Grund auch so bedrohlich sind.
Die Sache ist einfach die, dass der deutsche Nationalstaat im Jahr 1871 (zweites deutsches Kaiserreich) nicht einfach so entstanden ist, sondern nach fast einem Jahrhundert der Vorbereitung. Die Idee, dass es einen einheitlichen deutschen Staat geben könnte, entstand schon zur Zeit Napoleons und war ursprünglich vor allem eine Idee von Intellektuellen, also gewissermaßen der geistigen Elite des deutschen Sprachraums. Und diese wurden von reaktionären Kräften in Deutschland unterdrückt, bis sie dann 1848 auf die Straße gingen und Reformen hin zu mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bewirken konnten. Bis dahin und teilweise auch noch danach wurden viele von ihnen zur Emigration ins Ausland gezwungen oder wurden wegen ihrer Ideale verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Und darauf bezieht sich zum Beispiel auch die Liedzeile "Hoffnung, dass zur Wahrheit werde, was in Kerker und Gefecht war der Ruf von vielen Millionen: Freiheit, Einheit, Ehre und Recht. War der Ruf von vielen Millionen: Freiheit, Einheit, Ehre und Recht."
Klar ist, dass es zu jener Zeit eben nicht viele Millionen waren, sondern immer nur eine kleine Minderheit in Deutschland, die so etwas mit lauter Stimme gefordert haben. Doch gab es zugleich natürlich auch immer auch eine sehr viel größere Zahl von Menschen, die sich zwar nicht auf die Straße an die Barrikaden getraut haben, aber insgeheim trotzdem auf Seiten der Revolutionäre haben; und so dürften obige Liedzeilen auch keine völlige Geschichtsverzerrung sein. Ich glaube, dass sie den Geist jener Zeit sogar ziemlich gut wiedergeben.
An dieser Stelle dürfte schon langsam klar werden, was die Faszination dieser Gedankenwelt ausmacht. Es ist der Wunsch, mit diesen frühen Kämpfern für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in derselben Traditionslinie zu stehen, gemeinsam mit ihnen gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen, damit sich die Welt, in der man lebt, zu einem besseren Ort entwickelt. Oder zumindest hat bei mir dieses Lied solche Gedanken ausgelöst.
Und berühren wir auch schon den großen Haken, der in Liedtexten wie diesem versteckt ist: Das Lied löst eben nicht in jedem dieselben Gedanken aus, und das ist von Frank Rennicke vermutlich auch so beabsichtigt, wie wir gleich noch sehen werden. Und das muss man, glaube ich, verstehen, wenn man den deutschen Rechtsextremismus verstehen möchte.
Wer sich den obigen Link zu dem Lied einmal angeguckt hat, dem wird auffallen, dass darin einige Bilder aus dem Revolutionsjahr 1848 zu sehen sind, mit der schwarz-rot-goldenen Flagge, die damals auch tatsächlich verwendet wurde. Doch daneben gibt es dort auch Bilder von der schwarz-weiß-roten Flagge, und die steht nun mal für das genaue Gegenteil, was die Revolutionäre ursprünglich im Sinn hatten. Denn schwarz-weiß-rot wurde als deutsche Nationalflagge zum ersten Mal im Kaiserreich verwendet, und zum zweiten Mal unter Hitlerdeutschland. Sie symbolisiert daher heute gewissermaßen das nichtdemokratische Deutschland, wenngleich zur Zeit des Kaiserreiches zugegebenermaßen auch schon Ansätze zur Demokratie vorhanden gewesen waren.
Und auch Frank Rennicke selbst besingt und glorifiziert in anderen seiner Lieder genau diese schwarz-weiß-rote Flagge. Schon daran erkennt man deutlich, dass das Revolutionsjahr 1848 für ihn eben nur so eine Art Aufhänger ist, um daran seine Ideologie anzuknüpfen, und es ihm nicht eigentlich um den damaligen Geist geht. Er interpretiert es gewissermaßen so, als ginge es den Revolutionären von damals nicht primär um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, sondern vor allen Dingen um die Etablierung des Nationalstaates, und alles andere sei nur sekundär gewesen. Wenn man es auf so eine Weise verstünde, dann wären schwarz-rot-gold und schwarz-weiß-rot nämlich in der Tat miteinander austauschbar.
Doch was wollten die Revolutionäre von 1848 nun wirklich? Ähnlich wie die meisten politischen Bewegungen in der heutigen Zeit war auch diese damals kein einheitlicher Block, es gab da ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichen Ansichten. Trotzdem wage ich hier mal meine eigene Interpretation, und diese dürfte an die Wahrheit allemal näher heranreichen als die jedes nationalistischen Wählers der AfD:
Ich glaube, dass es den meisten Revolutionären von 1848 wirklich vor allem um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit ging. Nur standen sie nun mal vor dem Problem, dass jeder ihrer Erfolge nur Stückwerk war, solange es keinen deutschen Nationalstaat gab. Denn sobald sich ein deutsches Land (von denen es mehr als ein Dutzend gab) einmal zaghaft demokratisiert hatte, bestand immer die latente Unsicherheit, dass irgendeine von den Monarchien rund um es herum dort einmarschierte und die mühsam erkämpften Reformen wieder rückgängig machte, etwa so wie in Frankreich nach der Niederlage Napoleons. Die Intellektuellen, die die Reformen wollten, waren zudem über sämtliche Teile des deutschen Sprachraums verstreut, und nur durch ihre Vereinigung konnten sie wirklich die Kraft aufbringen, diese Demokratisierung durchzusetzen. Grenzen und Kleinstaaterei begünstigte die Konservativen, ein weiter Nationalstaat, den es so in der deutschen Geschichte vorher noch nie gegeben hatte, bot dagegen das richtige Umfeld, den richtigen Rahmen für die Verwirklichung einer ganz neuen, demokratischen Vision.
Tatsächlich kam es dann leider nicht dazu, denn das Deutsche Kaiserreich von 1871 war keine richtige Demokratie, die alten Monarchen blieben zumindest pro forma erst einmal an der Macht. Nichtsdestotrotz war dieser Staat auch irgendwie eine Erfolggeschichte, denn sowohl wirtschaftlich ging es den Deutschen gegen Ende dieses Kaiserreiches so gut wie kaum je zuvor in ihrer Geschichte, als auch politisch und gesellschaftlich tat sich damals durchaus so einiges, was man zum Beispiel daran erkennt, dass so manches unserer heutigen Gesetzeswerke (etwa das BGB) genau aus dieser Zeit stammt. Nicht zuletzt natürlich auch der Sozialstaat Bismarck'scher Prägung, welcher damals als einer der modernsten der ganzen Welt galt.
Unterm Strich kann man also resümieren, dass im damaligen Jahrhundert intelligente Menschen mit unglaublich viel Ausdauer dafür gekämpft haben, dass man über die beschränkten Grenzen seiner Zeit hinausblickt und neue Formen des zwischenmenschlichen Zusammenlebens ausprobiert, und am Ende etablierten sie eines der modernsten Staatswesen in Mitteleuropa, welches dann am Ende nur leider an Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit und militaristischem Gedankengut zugrunde ging; denn so könnte man vielleicht die beiden Weltkriege beschreiben.
Die Lehren, die wir daraus für unsere heutige Zeit ziehen können, liegen, denke ich, auf der Hand. Beschäftigen wir uns nur immer sorgfältig und genau mit der Geschichte und geben wir uns nicht zufrieden mit dem, was moderne Ideologen da für ihre Zwecke hineininterpretieren wollen. Wenn wir das beachten, dann können wir jedem Rechtsradikalen mutig entgegentreten und vielleicht noch neue Impulse dafür bekommen, wenn es darum geht, sich für das eigentlich demokratische Projekt unserer Zeit, nämlich das weltweite bedingungslose Grundeinkommen, zu engagieren. Und wenn wir dabei Traditionslinien zu erkennen meinen, die mit der schwarz-rot-goldenen Flagge in Zusammenhang stehen, dann können wir auf genau diesen Punkt, finde ich, auch stolz sein. Nur eben ganz bestimmt nicht so, wie manche Politiker in der AfD sich das vorstellen.

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24. Oktober 2019 [Buchrezension]
Leseempfehlung: Die Waffen nieder!
Wer sich mal mit der Frage beschäftigt, was junge Männer in Deutschland - und anderswo auf der Welt - gerne so für Computerspiele spielen, der wird feststellen, dass eines der beliebtesten Themen überhaupt der Zweite Weltkrieg ist. Ob früher in den neunziger Jahren oder heute, Spiele wie "Command'n'Conquer", "Medal of Honor" oder "Call of Duty" waren und sind aus dieser Szene eigentlich kaum wegzudenken.
Der Grund dafür ist vermutlich, dass jeder irgendwann einmal (oft irgendwann in der späten Teenagerzeit) in eine Phase kommt, wo er sich nach dem "Heroischen" sehnt, dem Nichtalltäglichen, wo man sich selbst ausprobieren und an seine Grenzen stoßen kann. Da ist der Zweite Weltkrieg als Szenario für ein Computerspiel einfach naheliegend.
Nun werden diese Spiele zwar tendenziell eher auf der Seite der Alliierten gespielt als auf der der Achsenmächte, doch könnte man es natürlich dennoch beunruhigend finden, dass sich an dieser Stelle auch für Nationalisten und Kriegsnostalgiker quasi eine Bresche auftut, um die eigene Vergangenheit zu verklären. Immerhin haben die Deutschen ja damals nicht schlecht gekämpft, das erkennen auch viele Engländer, Amerikaner und Russen an.
Ich glaube, um einer solchen Verklärung entgegenzuwirken, ist vor allem Bildungsarbeit notwendig. Es ist notwendig, die Mythen aufzudecken, die auch heute noch in den Köpfen mancher Menschen herumgeistern. Einer davon lautet so, dass das einfach ganz andere Zeiten gewesen seien als heute und die Menschheit erst nach diesem großen "Weltenbrand" zu der Erkenntnis gefunden habe, wie furchtbar und entsetzlich doch Krieg ist... Tatsächlich wusste die Menschheit, jedenfalls der gebildetere Teil, das allerdings auch vorher schon! Und zwar unter anderem aus dem Roman Die Waffen nieder! von Bertha von Suttner. Diesen sollten, finde ich, noch viel mehr Leute lesen, dann würden auch nicht mehr so viele davon die AfD wählen.
Das Buch ist 1889 erschienen und somit schon eine Art Klassiker der Weltliteratur, den man auch online lesen kann, zum Beispiel beim deutschsprachigen Projekt Gutenberg. Mir hat diese Lektüre viel Spaß gemacht, da die Handlung auf unnötige Schnörkel verzichtet und man sich daher trotz der mittlerweile schon etwas angestaubt wirkenden Sprache gut darin hineindenken kann. Man erfährt auch ganz nebenbei viel über die Welt des neunzehnten Jahrhunderts, was geschichtlich Interessierten sehr entgegen kommt. Es werden darin die Schrecken des Krieges zum Teil ähnlich drastisch und genau beschrieben wie in modernerer Antikriegsliteratur, und außerdem auch die psychologischen Auswirkungen des Krieges, wie etwa die Wirkung der staatlichen Propaganda auf die Bevölkerung. Um davon einen Eindruck zu geben, möchte ich hier einen kurzen Ausschnitt des (mittlerweile gemeinfreien) Buches wiedergeben. Darin erfährt man, welches Bild die Franzosen von den Deutschen während des Krieges von 1870 hatten. Und ich finde es zum Beispiel bemerkenswert, wie sehr diese Berichte doch denen ähneln, wie auch später in der deutschen Wochenschau während der letzten beiden Jahre des Zweiten Weltkriegs die Sowjetarmee dargestellt wurde:

--- Die Physiognomie der Stadt Paris und ihrer Einwohner verändert sich. Statt der stolzen, prahlerischen, kampfesfrohen Laune tritt Bestürzung und grimmiger Zorn ein. Immer mehr verbreitet sich das Gefühl, daß eine Vandalenhorde über das Land niedergegangen – etwas Schreckhaftes, Unerhörtes, wie etwa eine Heuschreckenwolke oder sonst eine Naturplage. Daß sie mit ihrer Kriegserklärung die Plage selber heraufbeschworen, daß sie dieselbe für unerläßlich hielten, – damit ja nicht etwa ein Hohenzollern in ferner Zukunft auf die Idee kommen könne, um den spanischen Thron zu werben – das hatten sie vergessen. Über den Feind kommen entsetzliche Märchen in Umlauf. »Die Ulanen, die Ulanen«: das hat einen phantastisch-dämonischen Klang, beinahe als hieße es »das wilde Heer«. In der Einbildung der Leute nimmt diese Truppengattung ein teuflisches Wesen an. Wo immer von der deutschen Kavallerie ein kühner Streich ausgeführt wird, wird er den Ulanen zugeschrieben – eine Art Halbmenschen, ohne Sold, darauf angewiesen, von Beute zu leben. Neben den Schauergerüchten entstehen aber auch wieder Triumphgerüchte. Das Erfolglügen gehört mit zu den Chauvinistenpflichten. Natürlich: der Mut muß aufrecht erhalten werden. Das Gebot der Wahrhaftigkeit – wie so viele andere Sittengebote – verliert seine Gültigkeit im Kriege. Aus der Zeitung Le Volontaire diktierte mir Friedrich folgende Stelle für meine roten Hefte:
»Bis zum 16. August haben die Deutschen schon 144 000 Mann verloren, der Rest ist dem Verhungern nahe. Aus Deutschland ziehen die letzten Reserven herbei, »la landwehr et la landsturm«; alte Männer von 60 Jahren mit Feuersteingewehren, an der rechten Seite eine ungeheure Tabaksdose, an der linken eine noch größere Schnapsflasche, im Munde eine lange tönerne Pfeife; keuchend unter der Last des Tornisters, auf welchem die Kaffeemühle und in welchem der Fliedertee nicht fehlen darf, ziehen sie hustend und sich schneuzend vom rechten an das linke Rheinufer, diejenigen verfluchend, welche sie den Umarmungen ihrer Enkel entrissen haben, um sie dem sicheren Tode entgegenzuführen.« – »Was die deutscherseits gebrachten Siegesnachrichten anbelangt – so sind dies die bekannten preußischen Lügen.«
Am 20. August verkündet Graf Palikao in der Kammer, daß drei gegen Bazaine vereinte Armeekorps in die Steinbrüche von Jaumont geworfen wurden. (Sehr gut! Sehr gut!) Zwar weiß niemand, was das für Steinbrüche seien, und wo selbe gelegen sind; und wie sich die drei Armeekorps darin verhalten, das macht sich auch niemand klar; aber von Mund zu Mund geht die frohe Botschaft: »Sie wissen schon? ... In den Steinbrüchen ...« – »Ja, ja, von Jaumont.« Keiner äußert einen Zweifel oder eine Frage: es ist, als ob alle aus der Gegend von Jaumont gebürtig wären und die armeeverschlingenden Steinbrüche so gut kennten, wie ihre Tasche.
Um diese Zeit tauchte auch das Gerücht auf, der König von Preußen sei aus Verzweiflung über den Zustand seines Heeres verrückt geworden.
Man hört nur noch Ungeheuerlichkeiten. Die Aufregung, das Fieber der Bevölkerung nimmt stündlich zu. Der Krieg »là-bas« hat aufgehört, als Waffenspaziergang betrachtet zu werden; man fühlt, daß die losgelassenen Gewalten jetzt Furchtbares über die Welt bringen – es ist nur noch von vernichteten Heeren, von wahnsinnigen Führern, von teuflischen Horden, von Kampf bis aufs Messer die Rede. Ich höre es donnern und grollen – was sich da erhebt, ist der Sturm der Wut und der Verzweiflung. Der Kampf um Bazeilles bei Sedan wird geschildert, als wären dort von den Bayern die unmenschlichsten Greuel verübt worden.
»Glaubst du das,« fragte ich Friedrich, »glaubst du das von den gutmütigen Bayern?«
»Es mag ja sein. Ob Bayer oder Turko, ob Deutscher, Franzose oder Indianer: der sich seines Lebens wehrende und zum Töten ausholende Krieger hat allemal aufgehört, ›menschlich‹ zu sein. Was in ihm geweckt und gewaltsam aufgestachelt worden, ist ja eben die Bestie.« ---

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23. Oktober 2019 [AfD und Flüchtlingspolitik]
Gerald Grosz, zum zweiten...
Gerald Grosz hat vor einigen Tagen wieder ein Video auf Youtube gestellt, diesmal übrigens in relativ ernstem Ton, welches auch manch einem AfD-Anhänger aus der Seele sprechen dürfte. Wenn wir diese Gedankenwelt verstehen wollen, dann lohnt es sich vielleicht, sich diesen Videoclip mal etwas genauer anzusehen.
Der Kerngedanke der knapp dreiminütigen Ansprache ist, dass durch die europäische Flüchtlingspolitik, insbesondere natürlich die deutsche, Menschen aus den ärmeren Ländern dieser Welt einen Anreiz bekommen, hierher nach Europa zu fliehen, sie gewissermaßen von unseren Politikern dazu "eingeladen" würden, und dass diese Politiker aus diesem Grund gewissermaßen eine Mitschuld am Schicksal der Mittelmeertoten trügen. Ein Zitat daraus: "Statt mutig und geschlossen NEIN zu sagen, Recht und Ordnung durchzusetzen, wird sich die politische Anarchie Deutschlands, Frankreichs, Italiens und anderer Staaten im Tod am Meeresgrund widerspiegeln."
Recht und Ordnung sind ein Grundbedürfnis von uns allen, denn ohne sie gibt es auch keinen Frieden und keine Sicherheit. Wer wünscht es sich also nicht, dass so etwas auch durchgesetzt wird? Ich würde sogar sagen, dass Gerald Grosz in vielem auch wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Um zu verstehen, warum er letztendlich trotzdem daneben liegt, müssen wir uns etwas eingehender mit dem deutschen Grundgesetz beschäftigen (die österreichische Bundesverfassung kenne ich leider nicht so genau). Dort lautet schon der erste Artikel, Absatz 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Was bedeutet das genau? Die Rede ist offensichtlich nicht nur vom deutschen Staatsbürger (sonst hätte man das auch so formuliert), sondern vom Menschen an sich. Die Würde des Menschen allgemein soll vom deutschen Staat nicht nur geachtet (d.h. passiv anerkannt) werden, sondern sogar geschützt werden. Das heißt, der deutsche Staat muss sogar aktiv eingreifen, wenn er die menschliche Würde irgendwo in Gefahr sieht.
Und das Deutsche Grundgesetz, auch das ist wichtig zu verstehen, ist unmittelbar geltendes Recht, nicht einfach nur eine Absichtserklärung. Es hat überdies einen höheren Rang als jedes andere deutsche Gesetz. Das bedeutet, dass sogar jemand, der hundert verschiedene Einzelgesetze bricht, aber dafür diesen Artikel des Grundgesetzes nicht, nicht bloß im schöngeistig idealistischen Sinne ein besserer und tugendhafterer Mensch ist, sondern sich zugleich auch juristisch betrachtet mehr an das deutsche Gesetz gehalten hat, als wenn der Fall umgekehrt liegt.
In Bezug auf die Mittelmeertote bedeutet das: Ja, lasst uns Recht und Ordnung endlich wieder herstellen - aber so, dass die Würde der Menschen gewahrt bleibt. Und die Würde der Menschen bleibt leider nicht gewahrt, wenn wir sie nur in Länder abschieben, in denen sie ebenfalls nur geduldet und ohne Staatsbürgerrechte sind, wie das nun mal bei einem großen Teil der Menschen, die über das Mittelmeer zu uns kommen (soweit deren Heimatländer nicht im nördlichen Afrika liegen) der Fall sein dürfte. Auch durch bewaffnete Beamte an den Ländern der Balkanroute können zwar die Grenzen, kann aber nicht die Würde der Menschen, die da kommen, garantiert und geschützt werden.
Um das mit der Würde besser zu verstehen, kommen wir zudem nicht umhin, uns auch mit der Frage zu beschäftigen, warum es eigentlich so viele Flüchtlinge auf der Welt gibt. Das hat natürlich sehr komplexe und vielschichtige Ursachen, doch die eigentliche Frage, um die es letzten Endes immer wieder geht, ist einfach nur diese hier: Ist die Würde dieser Menschen in ihren Heimatländern garantiert?
Denn wenn das der Fall ist und die Menschen trotzdem hierher kommen, dann wären sie, müsste man schließen, entweder a) dumm, b) geldgierig oder c) von den europäischen Politikern hierher "gelockt" worden, so wie Odysseus in der griechischen Mythologie von den Gesängen der Sirenen.
Ich für meinen Teil bin mir sehr sicher, dass die Würde des Menschen in vielen anderen Teilen dieser Erde nicht gewahrt ist, und um das zu belegen, verlinke ich hier nur mal drei Videos: Video 1, Video 2 und Video 3. Diese Videos zeigen im Prinzip zwei Dinge, nämlich erstens, dass die darin portraitierten Menschen arm sind, und zweitens dass deren Würde verletzt ist. Dieser zweite Punkt ist möglicherweise nicht ganz so offensichtlich wie der erste, doch das ist der wichtigere. Denn würden die Menschen in der Dritten Welt, die man heute auch (ebenso ungenau) als den "globalen Süden" bezeichnet, zwar arm, aber trotzdem in Würde leben, dann wäre der Flüchtlingsstrom aus diesen Gebieten weiterhin erklärungsbedürftig; so, wie die Dinge liegen, ist er es nicht. Dabei ist klar, dass diejenigen, die es am härtesten trifft, meistens nicht dieselben wie die sind, die dann auch den langen Weg nach Europa schaffen. In ethischer Hinsicht macht das die Gesamtsituation allerdings bestimmt nicht besser.
Was für einen Ausweg könnte es da geben? Mir fällt dazu nur ein bedingungsloses Grundeinkommen ein, und zwar ein weltweites. Für alternative Vorschläge, wie wir unter der gesetzlich gebotenen Wahrung der Menschenwürde "Recht und Ordnung" durchsetzen können, bin ich immer offen. Nur eines steht leider fest: Im verlinkten Video von Gerald Grosz findet man einen solchen Vorschlag nicht.

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22. Oktober 2019 [Umgang mit der AfD]
Reden. Reden? Reden!
"Reden. Reden? Reden!" ist eigentlich der Titel eines vor einigen Jahren erschienenen Buches, in dem es um den Umgang mit Terroristen geht. Doch als ich das las, ist mir der Gedanke gekommen, dass es sich doch eigentlich auf fast alle Menschen anwenden lässt, die man irgendwie extrem findet oder vor denen man irgendwie Angst hat. Reden einmal mit Punkt. Reden auch manchmal mit Fragezeichen:
Im politischen Spektrum steht bekanntlich auch heute noch nicht die AfD, sondern die NPD am äußersten rechten Rand. Diese tritt auch diesen Sonntag wieder bei einer Landtagswahl an, als eine von mehreren Kleinparteien in Thüringen. Und so gab es neulich einen Fernsehbeitrag im mdr, in welchem zuerst das Bündnis Grundeinkommen, anschließend die NPD vorgestellt wurde.
Nicht wirklich schmeichelhaft für das Bündnis, und so hat ein Bekannter von mir, der dort aktiv ist, letztens auf Facebook angeregt, dass man den Teil mit den Rechtsextremen doch lieber wegschneiden sollte, denn diese "Angstmacher" brauche nun wirklich niemand. Dabei hatten die NPD-Politiker gerade in diesem Video argumentativ gar nicht mehr zu bieten, als dass die einen ins Sozialsystem einzahlen und die anderen (nämlich die Ausländer) davon profitieren...
Eine andere Bekannte von mir hat über Jahre hinweg immer wieder Bodenplakataktionen fürs Grundeinkommen auf dem Frankfurter Rotlintstraßenfest der Grünen veranstaltet. Eine sehr lobenswerte Aktion, nur hab ich mir wieder und wieder die Frage gestellt: Warum gerade an diesem Ort und nirgendwo anders?
Lag es daran, dass bei den Grünen noch besonders viel Überzeugungsarbeit in Sachen bGE zu leisten wäre? Vermutlich wohl eher daran, dass dieses Straßenfest wirklich der eine Ort in Frankfurt ist, wo einem garantiert nie einer von diesen dubiosen Typen von der AfD über den Weg läuft. Und wenn irgendwo politische Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, etwa um mehr finanzielle Mittel für Bildungsarbeit bereitgestellt zu bekommen, dann wird bei wirklich jeder Partei wenigstens mal an die Tür geklopft. Selbstverständlich außer bei der AfD...
Klar ist, dass es im Einzelfall auch immer mal Gründe geben kann, gerade jetzt vielleicht doch mal lieber die AfD auszuklammern oder einen Bogen um sie zu machen. Doch möchte ich hinter das "Reden" mit Punkt und das "Reden" mit Fragezeichen trotzdem auch noch das "Reden" mit Anführungszeichen setzen. Wie das geht, dazu hier drei Gedanken:

1. Was demokratiefeindliche Extremisten oft so bedrohlich macht, ist bekanntlich, dass Demokratie etwas Komplexes, Paradoxes, in sich selbst auch manchmal Widersprüche bergendes ist, wohingegen politische Ideologen an den extremen Rändern ein einfaches, für jedermann leicht zu verstehendes Weltbild anbieten. So hab ich es zumindest früher mal im Schulunterricht gelernt.
Doch stimmt das überhaupt noch? Das Leben allgemein ist zwar tatsächlich immer komplex und widersprüchlich und muss es vielleicht auch sein, doch was das System anbelangt, muss man sich zumindest einmal durch den Kopf gehen lassen, wieviele Widersprüche inzwischen schon aufgelöst sind, wenn man nur den Gedanken eines bedingungslosen Grundeinkommens einmal zulässt: So zum Beispiel der Widerspruch, dass zwar in unserem Grundgesetz jedem Menschen Freizügigkeit und freie Wahl des Berufes zugesichert wird, dies jedoch in der Praxis oft gar nicht geht, wenn man nur das Pech hatte, in eine finanziell unterprivilegierte Familie hineingeboren worden zu sein. Das ist heute der Fall, mit einem bGE aber vielleicht nicht mehr.
So hat man das Argument, dass Schönheit auch immer in einer genialen Einfachheit begründet wird, nun plötzlich auf seiner Seite. Oder, wie es in einem geflügelten Wort heißt: Fortschritt ist der Weg von der primitiven, über die komplizierte, hin zur einfachen Lösung. Die Argumente der AfD hingegen sind nur auf den ersten Blick einfach, denn die Einfachheit dort entsteht nur dadurch, dass man so einiges, was in der Welt um Deutschland herum so passiert, ausblendet.
Prüfen wir unser Weltbild immer und immer wieder, ob es in sich konsistent ist. Und wenn es das ist, dann brauchen wir keine Angst vor politischen Gegnern zu haben. Nicht auf der Straße, nicht bei Debatten um die Bereitstellung finanzieller Mittel, nirgendwo.

2. Wer in die Geschichte blickt, dem wird schnell mulmig, wie schnell es doch die Nazis früher mal geschafft haben, die Macht in Deutschland zu erlangen. Wehret den Anfängen, denn so etwas kann jederzeit wieder passieren. Wenn wir mit der sich bürgerlich gebenden AfD diskutieren, öffnet sich dann nicht dadurch ein Türspalt, durch den die richtigen Nazis dann sozusagen in die Wohnung stürmen können? Ich glaube, dass solcherlei Ängste oft im Hintergrund stehen, wenn Politiker und auch andere Leute am liebsten erst gar nicht irgendeine Diskussion mit Anhängern der AfD beginnen wollen.
Doch solche Ängste sind letztendlich unbegründet, denn zwischen den dreißiger Jahren und der Welt von heute hat sich etwas geändert. Und zwar nicht so sehr der Geist und die Einstellung der Menschen, da mag es heute wieder erschreckend viele Parallelen geben zu damals. Nein, was sich geändert hat, ist dass wir zu einer neuen Erkenntnis gelangt sind und daraus, im ganz praktischen Sinne, Konsequenzen gezogen haben: dem Toleranz-Paradoxon.
Dieses besagt, dass eine Gesellschaft gegenüber allem tolerant sein darf, nur nicht gegenüber Intoleranz, denn sonst schafft sie sich am Ende selbst ab. Genau das ist bekanntlich mit der Weimarer Republik passiert, da man sich damals dieses Paradoxes noch nicht bewusst war (es wurde erst 1945 ganz konkret ausformuliert). Dass so etwas heute nicht wieder passiert, dafür sorgen inzwischen Gesetze und Gerichte, an die man sich wenden kann, wenn irgendwo gegen einzelne Menschengruppen oder gegen unseren Staat und seine Verfassung Stimmung gemacht wird.
Ob dieses System auch funktioniert, kann man zum Beispiel überprüfen, indem man sich mal den Fernsehbeitrag über die NPD anguckt, der (recht-)extremsten Partei: Wird da gegen Juden und Ausländer gehetzt wie anno dazumal unter Goebbels? Oder sind die Aussagen im Vergleich doch eher zahm?
Nun ist das, was man in Deutschland öffentlich sagt, im Verhältnis zu dem, was man privat denkt oder an Stammtischen von sich gibt, natürlich oft auch nur die Spitze des Eisbergs. Doch wer im Privaten ein Weltbild hegt und pflegt, das rückständig und in sich widersprüchlich ist, wird im Vergleich zu jemandem, der öffentlich an einem Weltbild arbeitet, das diese zwei Eigenschaften nicht hat, in einer funktionierenden Demokratie immer das Nachsehen haben.

3. Was ist mit dem bisschen, was Rechtsextreme trotz allem noch sagen dürfen? Wenn Gauland etwa vom "Denkmal der Schande" spricht und dann abstreitet, dass er es wirklich so gemeint hat, oder wenn eben die NPD wie in dem oben angeführten Video kritisiert, dass Ausländer hier zu viele Sozialleistungen bekommen? Müsste man das denn nicht auch verbieten, eben weil es in unserem Land doch keine Toleranz gegenüber Intoleranz geben darf?
Hier möchte ich noch etwas drittes zu bedenken geben. Wer sich noch an die Kindersendung "Es war einmal das Leben" aus den achziger Jahren erinnert, der wird meinem Gedanken vielleicht folgen können (und jeder andere möge es mir einfach glauben), dass in unserer Gesellschaft vieles so ähnlich funktioniert wie auch im menschlichen Körper. Wird letzterer zu sehr mit Bakterien überschwemmt, dann werden wir krank, und das ist der Grund, warum wir beim Essen und auch im Alltag immer auf Hygiene achten. Doch das gilt, wir wissen es alle, nur bis zu einem gewissen Grad. Denn wenn man schon kleine Kinder hermetisch von jedem keimbelasteten Ort fernhält, sie immer nur in den sterilen vier Wänden bleiben und nie auf dem schmutzigen Bauernhof spielen dürfen, dann werden sie eben nicht besonders gesund, sondern nur umso anfälliger für Krankheiten.
Und genau aus demselben Grund sollte man sich auch nicht allzu hermetisch gegenüber jedes politisch inkorrekte Gedankengut abschotten. Viel mehr sollte man wissen, wie ein gesunder Körper und ein gesunder Geist aussieht, und wenn er durch eine ernsthafte Krankheit bedroht wird, auch durchaus mal zum Arzt oder zum Bundesverfassungsgericht gehen. Solange es sich jedoch nur um eine kleine Grippe oder ein "das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen" handelt, kann auch mal Gelassenheit der bessere Weg sein.

Wer nun danach fragt, was Gelassenheit in diesem letzteren Fall denn ganz konkret bedeuten soll, dem sei hier als Fazit gesagt: Reden! Und zwar mit Ausrufezeichen.

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21. Oktober 2019 [Inhalte auf YouTube]
Darf man über Gerald Grosz lachen?
Österreich ist ein durchaus bemerkenswertes Land. Viele Deutsche wissen darüber leider nicht viel mehr, als dass man dort Schifahren kann und dass Hitler aus diesem Land kam. Muss man auch gar nicht, könnte man argumentieren, denn in Sprache und Kultur sind sich Deutsche und Österreicher ja ziemlich ähnlich, die Gemeinsamkeiten womöglich wichtiger als die Unterschiede. Um den Österreicher Gerald Grosz, einen politisch eher rechts als links verorteten Youtuber, der besonders gerne gegen die Grünen wettert (siehe zum Beispiel hier und hier), richtig einordnen zu können, müssen jedoch vielleicht noch zwei, drei weitere Sätze über dieses schöne Land gesagt werden, in dem ich mehr oder weniger meine komplette Teenagerzeit verbracht habe.
Zum einen ist Österreich im neunzehnten Jahrhundert, das so prägend war für den heutigen Nationalcharakter vieler europäischer Länder, sehr "multikulturell" gewesen, seine Hauptstadt Wien so etwas wie ein Schmelztiegel der verschiedenen Völker in dieser Monarchie. Wien war damals neben Paris auch eines der kulturellen Zentren Europas, mit vielen Theaterbühnen, vielen Künstlern und Intellektuellen, und einer ziemlich unverwechselbaren Debatten- und Kaffeehauskultur. Das ist alles schon mehr als hundert Jahre her, wirkt aber natürlich ein Stück weit bis heute nach.
Auf der anderen Seite ist Österreich jedoch heute gerade nicht mehr das Land, das es zu Zeiten von Kaiser Franz Joseph mal gewesen ist. Es ist mittlerweile tatsächlich hauptsächlich noch ein Urlaubsland, wohl gemerkt ein schönes. Während Deutschland in ästhetischer Hinsicht oft grau und gesichtslos ist, weil es außer den pittoresken Altstädten, die oft ausgebombt und dann recht hastig wiederaufgebaut worden sind, nicht viel zu bieten hat, ist Österreich gesegnet durch die schöne Alpenlandschaft, und die ist heute noch immer so schön wie vor hundert Jahren. Zudem ist die Luft frisch und die Straßen in den Städten vergleichsweise sauber und sicher. Wie es sich da lebt, wird vielleicht in diesem Ausspruch eines meiner früheren Klassenkameraden aus der Gymnasiumszeit ganz gut eingefangen: "Ich mache zwar gerne Reisen ins Ausland, komme aber auch immer gerne wieder hierher zurück." Dieses Umgebensein von landschaftlicher Schönheit kann allerdings auch schon mal dazu führen, dass man sich selbst in dieser eigenen Welt verliert und sich über die Probleme auf dem großen, weiten Planeten drumherum nicht mehr ganz mit derselben Ernsthaftigkeit Gedanken macht, wie wir es gerne mal als Deutscher tun. Warum denn noch große Visionen entwickeln, wenn es sich doch heute schon ganz gut lebt?
Aus dieser schönen Republik mit ihrer altehrwürdigen Sprachkultur kommt Gerald Grosz, und das merkt man seinen Youtube-Ansprachen und auch seinen Auftritten in politischen Talkshows (etwa hier) auf jeden Fall an. Er nimmt da kein Blatt vor den Mund, er wechselt je nach Erfordernis des Gespräches mal mehr ins Hochdeutsche, mal wieder mehr in den gemütlichen Dialekt, und es macht irgendwie Spaß ihm zuzuhören.
Zugleich ist er mit seinen politischen Positionen kaum weiter links als die AfD, sei es in Hinblick auf Einwanderung, sei es in Hinblick auf den Klimawandel. Und im augenzwinkernden Dialekt darf man auch schon mal so manches sagen, was sich ein Politiker - und Politiker ist bzw. war Gerald Grosz - in Deutschland nie trauen würde.
Speziell seine Youtube-Ansprachen sind nun allerdings streng genommen keine politischen Reden, sondern eher kleine Kunstwerke. Wenn er da die "heilige Gretl" als "Rachegöttin" bezeichnet, der die Leute im Weltklimarat "huldigen" müssen, dann ist das eben Satire und nicht Politik. Allerdings Satire mit starkem politischem, genauer gesagt rechtem Einschlag. Es sind Videos, über die AfD-Wähler gerne lachen, Anhänger von den Grünen wohl eher nicht. Was man auch immer sehr schön in den Kommentaren beobachten kann, deren Niveau allerdings oft natürlich auch allerunterste Schublade ist.
Darf man, das ist jetzt die spannende Frage, über solche politische Satire eigentlich lachen? Ja und nein, würde ich sagen.
Vorbehaltlos weiterempfehlen kann man ihn sicher nicht, da er in einigen Videos Aussagen macht, die allzu missverständlich sind und leider im jetzigen politischen Klima hier in Deutschland eher Schaden anrichten dürften, auch wenn sie vielleicht anders gemeint sind. So wie Nietzsche ungefähr. Konkret denke ich da zum Beispiel an diese kleine Ansprache an die "Erdoganisten": Darin nimmt Gerald Grosz Erdogan-Anhänger aufs Korn, die ihre türkische Heimat idealisieren, aber augenscheinlich trotzdem nicht dorthin zurückkehren wollen.
Dieses Video ist ja streng genommen unproblematisch, weil es darin nicht um eine Ethnizität, sondern um eine politische Haltung geht: für Erdogan sein, aber trotzdem nicht unter ihm leben wollen. Das Problem dabei ist nur, dass sich da unter Umständen eben doch auch ein Unterton von "Türken zurück in die Türkei" hineinhören lässt. Denn die meisten aus seiner Zielgruppe auf YouTube interessieren sich gar nicht so sehr für türkische Politik, dass sie im Alltag hier in Deutschland zwischen Türken, die Erdogan wählen und Türken, die jemand ganz anderen als Erdogan wählen, differenzieren würden. Nur dann macht es jedoch Sinn, sich in einem Satirevideo wirklich auf Erdogan zu beziehen. Eine solche Vagheit und Unklarheit macht es mir etwas schwer, dieses Video wirklich lustig zu finden.
Nebenbei bemerkt gibt es übrigens durchaus so manche Türken, die irgendwann wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind, das wird von Rechten gerne übersehen. Auf Spiegel-Online war irgendwann einmal ein Bericht darüber. Alles in allem gefällt es allerdings den meisten Türken, die in Deutschland leben, vermutlich tatsächlich hier besser als in der Türkei, und es mag auch tatsächlich widersprüchlich sein, wenn sie dann trotzdem Erdogan wählen. Doch trägt Gerald Grosz hier leider nichts dazu bei, diesen Widerspruch aufzulösen oder ihn besser zu verstehen. Außer eben, dass er die Erdogan-Anhänger ein bisschen provoziert.
Geistreicher finde ich andere provokante Videos von ihm, nämlich zum Beispiel die in Bezug auf Greta Thunberg hier und hier). Auch hier, oder gerade hier, liegt er zwar in der Sache falsch. Denn die Klimaaktivisten sind eben nicht einfach nur eine Ökosekte, sondern haben im Gegenteil die Wissenschaft auf ihrer Seite. Ein sonderbares Spannungsverhältnis wird allerdings dadurch aufgebaut, dass derjenige, der da in New York den versammelten Politikern die Ergebnisse der Klimatologie präsentiert und zum sie Umdenken aufruft, nicht etwa, wie man es eigentlich doch erwarten könnte, ein altehrwürdiger Wissenschaftler mit grauem Haar ist, sondern stattdessen ein sechzehnjähriges Mädchen. Das macht das alles irgendwie sehr schräg und sonderbar, und Gerald Grosz greift diese Spannung auf, indem er von Greta Thunberg mit viel Wortwitz das Karikaturbild einer mittelalterlichen Sektenführerin zeichnet.
Und damit macht er genau das, was ein Künstler auch tun soll: Er erklärt die Dinge zwar nicht, aber er macht sie gedanklich fassbarer. Wer die Klimaaktivisten schon immer irgendwie eigenartig fand, aber nicht so genau den Finger drauf legen kann warum, der kann das jetzt besser. Das gibt Leuten, die für Greta Thunberg sind, die Möglichkeit, genauer zu erklären, warum ihr Aktivismus genau die Gestalt annehmen muss, die er angenommen hat, und gibt dadurch die Möglichkeit, besser miteinander in Dialog zu treten.
So ähnlich finde ich auch dieses Video, wo Gerald Grosz das Binnen-I der gendergerechten Sprache karikiert, irgendwie ganz gelungen. Man kann gendergerechte Sprache gut finden oder nicht, aber satirische Kritik daran, dass unsere Sprache dadurch unter Umständen auch umständlicher wird, sollte erlaubt sein. Wobei diese Satire natürlich auch wieder politisch ist, denn gendergerechte Sprache ist ja nicht einfach vom Himmel zu uns herabgekommen, sondern wurde nun mal auch von bestimmten politischen Parteien eingeführt. Auch dazu muss man, finde ich, stehen können.
Ein Video, das mir wiederum überhaupt nicht gefällt, ist dieses hier. Darin kritisiert Gerald Grosz auf zwar satirische, aber auch sehr scharfe Weise Carola Rackete und unterstellt ihr, dass sie aus bewusstem Kalkül Mittelmeerflüchtlinge nach Italien gebracht hat. Ob das im Einzelfall stimmt oder nicht, kann ich ehrlicherweise nicht wirklich beurteilen, nur das Problem ist: Gerald Grosz tut hier so, als ob es ohne das Engagement dieser Seenotretterin auf dem Mittelmeer überhaupt keine Probleme mehr gäbe. Das stimmt ganz einfach nicht. Denn selbst, wenn ohne ihren Einsatz tatsächlich deutlich weniger Flüchtlinge über das Mittelmeer kämen, wäre jeder einzelne Ertrunkene schon einer zu viel. Und was Carola Rackete macht, ist nichts anderes, als darauf aufmerksam zu machen. Wenn sie nebenbei noch die Gesetze bricht, dann ist das neben der Dimension der politischen Wichtigkeit ihres Tuns vollkommen unerheblich. Schon oft ist es in der Geschichte vorgekommen, dass Menschen Gesetze gebrochen haben, aber dann später dafür einen Orden bekommen haben, da sich an Gesetze zu halten und das Gute zu tun (leider) nicht immer ein und dasselbe ist. Somit würde ich über dieses Video nicht lachen, finde es allerdings umgekehrt auch nicht schlimm, dass es das auf YouTube gibt. Indem man sich solch eine fragwürdige Meinung anhört, kommt man ins Nachdenken, wie es sich eigentlich in Wirklichkeit verhält. Und dann ist es auch nicht mehr allzu weit bis zu der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens.
Aus diesem Grund bin ich auch ganz allgemein für eine offene, ehrliche Debatte. Das heißt eine, in der auch jede*r sagen darf, was er oder sie denkt. Es ist nicht verwerflich, wenn man auch mal eine falsche Meinung hat. Auch Gerald Grosz irrt sich in vielem, aber das darf er auch. Seine Beiträge auf YouTube sind mal geistreicher, mal weniger geistreich, so wie das eben bei den meisten Künstlern der Fall ist. Kaum ein Künstler hat in seinem Leben nur tolle Hits produziert, bei nicht wenigen fragt man sich, warum er nicht dieses und jenes Kunstwerk wieder still vom Markt genommen hat statt es noch weiter zu verbreiten. Doch insoweit man die Videos von Gerald Grosz eben schon geistreich findet, darf man selbstverständlich auch darüber lachen.

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20. Oktober 2019 [allgemein]
Fünf große Themen, die (zu) oft verdrängt werden
Schon Sigmund Freud wusste, dass es nicht gut für die menschliche Psyche ist, Erlebtes zu verdrängen, und oft kommt es ja dann auf mehr oder weniger verschlungenen Pfaden doch wieder an die Oberfläche. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn man Dinge verdrängt, die sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft beziehen. Denn nur wer sich jederzeit vollkommen im Klaren darüber ist, was demnächst auf uns zukommen wird, kann sich klug und überlegt darauf vorbereiten.
Im Folgenden will ich fünf wichtige Themen aufführen, von denen ich den Eindruck habe, dass sie in unserer Gesellschaft noch zu oft verdrängt werden. Dabei werden sie im einzelnen vielleicht von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichem Maß verdrängt - die ersten beiden Themen hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) von AfD-Anhängern, das dritte Thema von vielen nur nicht von Richard David Precht, und nur die letzten beiden Themen von wirklich allen in unserer Gesellschaft. Darüber hinaus werde ich auch jeweils Gründe schreiben, warum ich glaube, dass wir uns damit mehr beschäftigen müssen:

1. Die Schoah: Jedes Schulkind beschäftigt sich irgendwann damit, und doch ist das noch zu wenig. Warum? AfD-Anhänger kann man mit diesem Thema sicher "jagen", und gerade das scheint mir durchaus schon ein Argument zu sein, sich damit deutlich mehr zu beschäftigen als nur der Durchschnitt des eigenen Jahrgangs in der Schule. Davon abgesehen ist die Schoah, auch Holocaust genannt, allerdings auch ein bedeutender Teil der deutschen Geschichte. Wer da mit dem Argument kommt, die deutsche Geschichte bestehe doch nicht nur aus jenen zwölf Jahren, der hat etwas grundlegend falsch verstanden: Denn zwar ist die Nazidiktatur in der Tat kein tausendjähriges Reich gewesen, ganz anders als das tatsächliche Reich im Mittelalter.
Doch wer sich nur mal die Mühe macht, die eine oder andere Lebensgeschichte von Juden oder Sinti zu lesen, die damals in den dreißiger Jahren gelebt haben, der wird schnell feststellen, dass einem gerade durch das Fokussieren auf diese Zeit die Beschäftigung mit der Geschichte vorher nicht schwerer, sondern im Gegenteil sogar einfacher gemacht wird. Denn immerhin haben jene Leute damals noch in einem Deutschland gelebt, das nicht weitgehend durch Bomben zerstört und wieder aufgebaut worden war. Wenn ein Jude in den dreißiger Jahren in Frankfurt das Goethehaus besichtigt hat, dann hat er das Originalhaus besichtigt, indem Goethe auch wirklich einst gewohnt hat, und nicht bloß einen Nachbau, der später an derselben Stelle wieder neu errichtet wurde. Wenn von der Dresdner Frauenkirche die Rede ist, dann war das die Originalkirche aus dem achtzehnten Jahrhundert. Alles war original, alles hatte Geschichte. Wer Deutschland mag, für den kann es gar nicht uninteressant sein, sich mit den dreißiger Jahren zu beschäftigen. Und da die Juden damals zum gebildetsten Teil der Bevölkerung gehörten, ist es auch naheliegend, sich ihre Erinnerungen durchzulesen.
Selbstredend gilt das nicht nur für Deutschland, sondern auch für Frankreich, Holland, Polen, Tschechien, Österreich, Ungarn... Nur mit dem Unterschied, dass in manchen dieser Länder viele Bauwerke, die früher mal von Juden beschrieben wurden, auch heute noch zu besichtigen ist. Sehr spannend fand ich zum Beispiel die Lebenserinnerungen von Stefan Zweig, der genau zu der Zeit in Salzburg gelebt hat, als dort zum ersten Mal die Salzburger Festspiele aufgeführt wurden. Später zur Hitlerzeit musste er dann nach Brasilien fliehen.
Ich glaube, über solche Dinge muss man mit AfD-Anhängern reden - speziell mit jungen, die sich vielleicht noch nicht so intensiv mit Geschichte beschäftigt haben. Man muss da gar nicht immer mit erhobenem Zeigefinger und verordneten Schweigeminuten kommen.
Woran erkennt man eigentlich, ob sich unsere Gesellschaft so intensiv mit dem Mord an den sechs Millionen Juden auseinandersetzt, wie sie es eigentlich tun sollte, oder ob da womöglich - wie von Rechten manchmal behauptet - schon über das Ziel hinausgeschossen wird und es so eine Art "Schuldkult" in Deutschland gibt? Nun, man muss ja nur in eine beliebige Buchhandlung (nicht in eine Bibliothek) gehen und gucken: Wieviele Krimis und Thriller gibt es da zu kaufen, mit Titeln wie "Der Tote im Strandkorb" oder "Die Angst schläft nie", und wieviele Schoah-Überlebensberichte finden sich in den Regalen? Ich hab nicht nachgezählt, aber ich würde mal behaupten, dass fiktionale Mördergeschichten die Zahl der Berichte aus unserer realen Geschichte um einen Faktor von mindestens zwanzig zu eins übersteigen. Oder vielleicht auch hundert zu eins, ich weiß es nicht so genau. Auf mich macht das ganz ernsthaft den Eindruck, dass da in unserer Gesellschaft etwas verdrängt wird.
Wer sich übrigens beim Lesen dieser Zeilen gerade vornimmt, nach langer Zeit mal wieder etwas über den Holocaust zu lesen, dem kann ich zum Beispiel, außer dem bekannten Klassiker "Trotzdem ja zum Leben sagen", auch noch "Die Stimme meines Bruders", "Evas Geschichte" sowie "Der Fotograf von Auschwitz" empfehlen. Alle diese Schilderungen sind sehr aufwühlend, sodass man sich vielleicht auch vorher überlegen muss, wann genau man sie liest. Man sollte es zum Beispiel nicht in einer emotional labilen Phase des eigenen Lebens tun.

2. Der Klimawandel: Dass das ein Thema ist, das ständig verdrängt wird, darüber sind wir uns natürlich alle schon einig... Nein, Scherz, darüber gibt es ganz unterschiedliche Ansichten. Anhänger der AfD sind zum Beispiel oft der Meinung, dass wir mit Warnungen vor dem Klimawandel Tag für Tag nur so von den Medien bombardiert werden und das ein Zeichen dafür ist, dass die Menschen in Deutschland an gar nichts anderes mehr denken.
Allerdings ist es, wie ich in einem anderen Artikel schon ausgeführt habe, doch sehr bemerkenswert, dass zu einem großen Teil nur Schüler wegen dieser Sache auf die Straße gehen. Von der übrigen Bevölkerung wird das ganz offensichtlich noch verdrängt. Und wenn Greta Thunberg so emotional vor den internationalen Gremien spricht, dann auch deswegen, weil das an ihrer statt niemand anderes tut. Durch eine solche kollektive Verdrängung kann auch leicht der Eindruck entstehen, das Thema sei in Wirklichkeit eigentlich gar nicht so wichtig, die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler gar nicht so ernstzunehmen. Und solange die Mainstreamgesellschaft die Klimakrise auf diese Weises kollektiv verdrängt, werden auch immer einige Leute die AfD wählen. Politikern, die sagen "ich glaub nicht an die Klimakrise", vertraut man nun mal mehr als Politikern, die sagen "ich glaub an die Klimakrise, aber... reden wir doch lieber über andere Dinge"; und so ungefähr scheint mir leider noch oft der Tenor bei CDU und FDP zu sein. Wen soll man da als konservativer Mensch in Deutschland überhaupt noch wählen? Ich wäre sehr dafür, dass Politiker das Kriegsbeil des ideologischen Parteienzanks jetzt wenigstens einmal kurz begraben und sich wirklich ernsthaft darüber Gedanken machen, wie sich die Klimaziele erreichen lassen.

3. Die Automatisierung: Über dieses Thema will ich hier gar nicht allzu viel schreiben, da ja der Philosoph und Buchautor Richard David Precht das bereits zum Gegenstand zahlreicher Reden und Podiumsdiskussionen gemacht hat, die man sich alle auf Youtube oder in diversen Mediatheken anschauen kann. Hinzufügen kann ich dem eigentlich nur, dass ich es erstaunlich finde, wie wenige Leute des öffentlichen Lebens wirklich klar und offen darüber reden. Denn als Schlagwort wird Automatisierung zwar gerne immer mal wieder aufgegriffen, doch die Möglichkeit, dass vielleicht 20, 30 oder gar 50 Prozent der Jobs in naher Zukunft ersatzlos wegfallen könnten, darüber wird meist gar nicht so richtig ernsthaft diskutiert.

4. Die Weltbevölkerung: Diese wächst zurzeit pro Jahr um 78 Millionen, und das ist eine verblüffend hohe Zahl. Man betrachte einen Globus und überlege sich, dass sich da Jahr für Jahr knapp die Einwohnerzahl Deutschlands zusätzlich drauf zwängen muss, dann hat man davon so ungefähr eine Vorstellung... Diese Menschen brauchen natürlich alle zusätzlich Nahrungsmittel, ein Dach über dem Kopf, sauberes Trinkwasser. Und sollte auch nur ein Bruchteil davon eines Tages mal auf den Gedanken kommen, ein eigenes Auto haben zu wollen, dann wird das selbstredend auch zu jeder Menge weiterer CO2-Emissionen führen.
Dass man darüber in den Medien so wenig liest, werte ich als Indiz dafür, dass auch dieses hier zu den Themen gehört, die von einem Großteil der Bevölkerung schlicht und einfach verdrängt werden. Man hofft eben, dass sich dieses Problem eines Tages schon irgendwie von alleine lösen wird - was allerdings nicht geschehen wird. Denn in vielen Ländern ist die Familie das einzige soziale Netz. Solange es dort Armut gibt und keine Rentenversicherung, werden die Menschen versuchen, stattdessen wenigstens viele Kinder zu bekommen. Das wird sich nicht aus idealistischen Gründen eines Tages mal ändern, sondern nur, wenn die Armut beseitigt und eine verlässliche Form der Alterssicherung eingeführt wird. Nur darauf zu vertrauen, dass jetzt im Augenblick die Weltkonjunktur doch ganz gut ist, "doesn't do the trick", wie man im Englischen sagt. So wird das nix.

5. Der Tod: Der wird von allen verdrängt, ist ja auch logisch. Dabei gäbe es jedoch durchaus Gründe, sich irgendwann einmal damit zu beschäftigen. Und zwar zwei Arten von Gründen. Das eine sind ganz offensichtlich die im spirituellen Bereich, denn keine der großen Weltreligionen lässt sich wirklich ganz verstehen, ohne dass man jemals den Gedanken an den Tod an sich herangelassen hat.
Und zum zweiten gibt es da auch ganz praktische Erwägungen, warum der Tod wichtig ist. So wird nicht nur jede*r von uns irgendwann einmal selbst das Zeitliche segnen, sondern zu 99% auch eines Tages mal Abschied nehmen müssen von jemandem, der uns nahe steht.
Dem mag auch irgendwie etwas Schicksalhaftes anhaften, und wer an das Schicksal glaubt, dem will ich diesen Glauben nicht nehmen. So ähnlich wie man ungern einem Kind den Glauben an den Storch nimmt.
Doch in Wahrheit hängt die Frage, ob und wann jemand sterben muss, natürlich immer davon ab, ob die Krankheit, an der leidet, nach aktuellem Stand der medizinischen Forschung heilbar ist oder nicht. Und das ist eben nur auf den ersten Blick etwas völlig Schicksalhaftes.
Damit mich niemand falsch versteht: Einem medizinischen Forscher im Labor über die Schulter zu gucken und zu sagen "mach schneller, mach schneller, sonst stirbt demnächst jemand" bringt natürlich überhaupt nichts. Jeder Forscher weiß schon, was für eine Verantwortung er trägt, und unter Druck arbeitet man schlechter, nicht etwa besser.
Daraus nun allerdings zu schließen, dass sich offenbar überhaupt nichts machen lässt, um den medizinischen Fortschritt zu fördern, halte ich für vorschnell. Denn die Qualität und das Voranschreiten einer Arbeit lässt sich nicht nur durch Druck beeinflussen, sondern auch durch eine Veränderung ihrer Rahmenbedingungen.
Wie diese Rahmenbedingungen genau in Deutschland sind, dazu kann ich keine kompetente Aussage machen. Aber immerhin weiß ich etwas über die Rahmenbedingungen für medizinische Forschung weltweit, und zwar folgendes: Der kleine Junge in Indien, der den ganzen Tag lang Ziegelsteine schleppen muss, weil seine Eltern kein Geld haben, hat nicht die optimalen Rahmenbedingungen, um eines Tages Medizinnobelpreisträger zu werden. Ganz egal, wie intelligent er ist (für Frauen gilt natürlich das gleiche). Alleine das könnte einem doch schon zu denken geben.
Davon abgesehen halte ich die Beschäftigung mit dem Tod, solange das in einem gewissen Rahmen bleibt, für etwas durchaus Gesundes für den menschlichen Geist. Nicht umsonst gibt es auch mindestens zwei Disneyfilme für Kinder, in denen das aufgegriffen wird, nämlich "Bambi" und "König der Löwen". Wir sollten das nicht verdrängen, sondern als Teil dieses Lebens für uns annehmen.

Ich hoffe, dass sich durch diese fünf Themen jetzt niemand allzu sehr schockiert oder vor den Kopf gestoßen gefühlt hat. Vermutlich werde ich früher oder später zu einzelnen dieser Themen noch eigene Texte verfassen. Schreibt mir auch gerne eure Gedanken.

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18. Oktober 2019 [Aktuelles]
Wen kann man heute noch wählen?
Nächste Woche Sonntag sind in Thüringen Landtagswahlen, und manch einer ist vielleicht noch unentschlossen, wen sie oder er da wählen soll. Denn sind sich heutzutage nicht alle Parteien irgendwie ähnlich? Wer so denkt, übersieht allerdings, dass es neben den fünf großen Parteien auch noch rund ein Dutzend kleinere Parteien gibt, die ebenfalls zur Auswahl stehen. Einen Überblick darüber findet ihr zum Beispiel hier.
Kleinparteien haben den Nachteil, dass sie in der Regel nicht die Fünf-Prozent-Hürde schaffen und so etwas vielen daher als "verlorene Stimme" gilt. So würde ich es allerdings nicht sehen, denn jede Partei hat irgendwann einmal klein angefangen, und während für eine große Partei ein Zehntelprozent mehr oder weniger oft gar keinen so großen Unterschied macht, kann es für die Mitglieder einer kleinen Partei unter Umständen für die Motivation sehr viel ausmachen, ob sie zum Beispiel nur 0,1% oder doch 0,2% der Stimmen bekommen.
Ein Vorteil von Kleinparteien dagegen ist, dass sie meistens ein sehr klares Profil besitzen, da sie in gewisser Weise freier sind als die großen Parteien und nicht so viele Kompromisse zwischen den Interessen unterschiedlicher Beteiligter eingehen müssen. Das führt unter Umständen dazu, dass Kleinparteien auch sehr versponnen sein können und ihre Ziele unseriös sind oder zumindest so wirken. Nicht immer ist es ganz einfach, bei ihrer Beurteilung wirklich die Spreu vom Weizen zu trennen.
Nach meinem Dafürhalten haben jedoch mindestens drei von den Kleinparteien, die nächsten Sonntag in Thüringen zur Auswahl stehen, durchaus seriöse und zudem auch sehr interessante Ziele:
1. Die Piratenpartei: Diese wurde 2006 gegründet und setzt sich unter anderem für das bedingungslose Grundeinkommen ein, darüber hinaus zum Beispiel auch für eine Liberalisierung des Urheberrechts und für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Das mit dem Urheberrecht wirkt vielleicht auf den ersten Blick noch etwas abstrakt, doch muss man sich nur einmal klar machen, dass sämtliche Fotos, die man in der Online-Enzyklopädie Wikipedia zu sehen bekommt, nur deswegen dort stehen können, weil Urheber bereit waren, sie kostenlos der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Müsste man für jedes dieser Foto erst eigens einen Vertrag aushandeln, dann wäre das Bereitstellen eines solchen Onlinelexikons mit über einer Million Artikeln vermutlich so teuer, dass man es nur noch gebührenpflichtig zur Verfügung stellen könnte. Ich glaube, alleine dieses Beispiel schon zeigt, was für ein heißes Thema das Copyright ist. Und die Piratenpartei ist im Augenblick fast die einzige Partei in Deutschland, die sich darüber wirklich Gedanken macht.
2. Die Partei für Gesundheitsforschung: Ziel dieser Kleinpartei, welche dieses Jahr zum ersten Mal in Thüringen antritt, ist es, dass mehr finanzielle Mittel für die Gesundheitsforschung bereit gestellt werden. Der Gedanke dahinter, ist dass statistisch betrachtet fast jeder irgendwann einmal an einer Alterskrankheit leiden wird (wäre es nicht so, dann wären wir unsterblich) und es aus diesem Grund für uns alle Sinn macht, Geld in diesen Bereich zu investieren. Dabei geht es übrigens, wie Mitglieder dieser Partei auch betonen, nicht nur darum, ein möglichst hohes Alter zu erreichen, sondern vor allem auch um mehr Lebensqualität im Alter. Die moderne Medizin bietet da bestimmt noch so einiges an Möglichkeiten.
3. Das Bündnis Grundeinkommen: Diese 2016 gegründete Kleinpartei ist, sage ich auch ganz offen, mein klarer persönlicher Favorit, denn sie hat wirklich nur ein Ziel - in Deutschland ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Nun wären zwar damit noch nicht all die anderen Probleme, die es auf dieser Welt so gibt, gelöst. Doch hätte man so immerhin endlich mal wirklich den Kopf frei, sich darum zu kümmern. Und wer sich genauer mit dem Thema beschäftigt, der wird auch schnell feststellen, dass eigentlich fast jedes andere Thema irgendwie damit zusammenhängt. Auch das Urheberrecht hat etwas mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zu tun (weil Künstler von etwas leben müssen), auch Gesundheit hat etwas mit dem bGE zu tun (zum Beispiel, weil viele psychosomatische Krankheiten durch Burnout und Stress hervorgerufen werden), und so weiter und so fort. Wer das Bündnis Grundeinkommen wählt, setzt also ein sehr kraftvolles Zeichen, da endlich mal die richtigen Prioritäten zu setzen.

Ich hoffe, dass ich mit diesen Empfehlungen ein wenig zur Orientierung bei dieser Landtagswahl beitragen konnte. Außer diesen drei Parteien treten übrigens noch genau fünfzehn weitere an.

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17. Oktober 2019 [Lebensphilosophie]
Über Sinn oder Unsinn von Nostalgie
Will man der Frage auf den Grund gehen, warum so viele Leute die AfD wählen, dann lohnt es sich vielleicht, sich auch mal mit dem Thema Nostalgie zu beschäftigen. Immerhin war einer der Gründe, warum die AfD ursprünglich gegründet wurde, dass man den Euro abschaffen und die D-Mark wieder neu einführen wollte. Vordergründig führte man damals zwar ökonomische Argumente ins Feld, doch schon damals gehörte nicht allzu viel Menschenkenntnis dazu um zu erraten, dass es da in Wahrheit auch um ganz andere Dinge ging als nur um mathematisches Zahlenjonglieren.
Nur, wie um aller Welt ist es möglich, dass Menschen nostalgisch einer Währung nachtrauern? Sind Banknoten denn mehr als nur bedrucktes Papier, Geldstücke mehr als gestanzte Plättchen aus Metall? Und doch, wenn wir uns ehrlich sind, dann wissen wir alle, was es bedeutet, mit leichter Wehmut an jene vergangenen Tage zurückzudenken, wo irgendwie alles ein bisschen klarer und einfacher zu sein schien als in der heutigen Zeit, es mehr sozialen Zusammenhalt zu geben schien, weniger Ellenbogenmentalität... und das alles geschah natürlich letztendlich noch vor dem Hintergrund des deutschen Wirtschaftswunders, wofür die D-Mark, welche wir täglich in der Hand hielten, das Symbol war. Selbst ich als 1984 Geborener kenne solche Gefühle noch.
Doch was ist überhaupt Nostalgie, was ist ihr Sinn, und wo wird sie zum Problem? Nostalgische Gefühle haben können wir bekanntlich bei einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn oder in Schaufelraddampfer auf dem Mississippi. Hier ist Nostalgie vollkommen unschuldig, und stellt in gewisser Weise ein Bildungserlebnis dar. Indem wir uns in frühere Epochen hineinversetzen wird uns der Lauf der Welt bewusster, und gelegentlich entdecken wir dabei vielleicht sogar, dass der alte Messingknopf aus dem viktorianischen Zeitalter sich irgendwie wertiger anfühlte als modernes Plastik, und uns auf diese Weise noch als Inspiration für unsere heutige Welt dienen kann. Denn manchmal wurden die Weisheiten früherer Tage auch einfach nur durch dazwischenliegende Entwicklungen verschüttet, weil man vielleicht zu enthusiastisch neue Gelegenheiten ergriffen hatte, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was dadurch zugleich verloren geht. So betrachtet ist Nostalgie vielleicht nichts anderes als eine Sehnsucht danach, etwas Verschüttetes wieder neu ans Tageslicht zu holen.
Zu einem Problem wird Nostalgie allerdings dann, wenn sie am Ende in eine Art Realitäts- und Gegenwartsflucht abgleitet. Denn so schön vergangene Epochen auch manchmal gewesen sein mochten, die Welt verändert sich nun mal und mit ihr die Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Davor die Augen zu verschließen, ist auch schon auf der privaten, individuellen Ebene nicht immer segensreich, noch viel weniger auf der politischen. Hinzu kommt, dass Nostalgiker auch gerne dazu neigen, vergangene Zeiten zu verklären und die negativen Dinge von damals zu übersehen oder gar auszublenden.
Ich glaube, wenn darüber so nachdenkt, dann wird schnell klar, dass eine Partei der "Retropien" (wie Richard David Precht die AfD gerne nennt) keine wirkliche Alternative für Deutschland sein, auch schon ganz abgesehen von all den anderen, ernsteren Kritikpunkten.
Und doch, ein nostalgischer Rückblick in vergangene Zeiten muss nicht immer eine schlechte Sache sein. Um das zu veranschaulichen, möchte ich zum Abschluss dieses Textes hier ein Stück Literatur zitieren, das ich inspirierend finde und das man auch jedem gut vorlesen kann, der eine Welt ohne Grenzen, wie wir sie mit einem bGE nach meiner Überzeugung bald haben könnten, vielleicht noch für zu versponnen und zu utopisch hält. Das Buch heißt "Die Welt von Gestern" und gibt die Lebenserinnerungen des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig wieder, die dieser um das Jahr 1940 herum, also kurz vor seinem Suizid im brasilianischen Exil, zu Papier gebracht hat. Die Schwermut und Nostalgie, die aus all diesen Zeilen spricht, können wir wohl auch noch als heutige Erdenbewohner nachempfinden:

(...) Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, dass ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Pass zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben. Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden. Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen; dieselben Grenzen, die heute von Zollbeamten, Polizei, Gendarmerieposten dank des pathologischen Misstrauens aller gegen alle in einen Drahtverhau verwandelt sind, bedeuteten nichts als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt wie den Meridian in Greenwich. Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalsozialismus, und als erstes sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den Fremdenhass oder zumindest die Fremdenangst. Überall verteidigte man sich gegen den Ausländer, überall schaltete man ihn aus. All die Erniedrigungen, die man früher ausschließlich für Verbrecher erfunden hatte, wurden jetzt vor und während einer Reise jedem Reisenden auferlegt. Man mußte sich photographieren lassen von rechts und links, im Profil und en face, das Haar so kurz geschnitten, dass man das Ohr sehen konnte, man mußte Fingerabdrücke geben, erst nur den Daumen, dann alle zehn Finger, mußte überdies Zeugnisse, Gesundheitszeugnisse, Impfzeugnisse, polizeiliche Führungszeugnisse, Empfehlungen vorweisen, mußte Einladungen präsentieren können und Adressen von Verwandten, mußte moralische und finanzielle Garantien beibringen, Formulare ausfüllen und unterschreiben in dreifacher, vierfacher Ausfertigung, und wenn nur eines aus diesem Schock Blätter fehlte, war man verloren.
Das scheinen Kleinigkeiten. Und auf den ersten Blick mag es meinerseits kleinlich erscheinen, sie überhaupt zu erwähnen. Aber mit diesen sinnlosen ›Kleinigkeiten‹ hat unsere Generation unwiederbringlich kostbare Zeit sinnlos vertan. Wenn ich zusammenrechne, wie viele Formulare ich ausgefüllt habe in diesen Jahren, Erklärungen bei jeder Reise, Steuererklärungen, Devisenbescheinigungen, Grenzüberschreitungen, Aufenthaltsbewilligungen, Ausreisebewilligungen, Anmeldungen und Abmeldungen, wie viele Stunden ich gestanden in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden, vor wie vielen Beamten ich gesessen habe, freundlichen und unfreundlichen, gelangweilten und überhetzten, wie viele Durchsuchungen an Grenzen und Befragungen ich mitgemacht, dann empfinde ich erst, wieviel von der Menschenwürde verlorengegangen ist in diesem Jahrhundert, das wir als junge Menschen gläubig geträumt als eines der Freiheit, als die kommende Ära des Weltbürgertums. Wieviel ist unserer Produktion, unserem Schaffen, unserem Denken durch diese unproduktive und gleichzeitig die Seele erniedrigende Quengelei genommen worden! Denn jeder von uns hat in diesen Jahren mehr amtliche Verordnungen studiert als geistige Bücher, der erste Weg in einer fremden Stadt, in einem fremden Land ging nicht mehr wie einstens zu den Museen, zu den Landschaften, sondern auf ein Konsulat, eine Polizeistube, sich eine ›Erlaubnis‹ zu holen. Wenn wir beisammensaßen, dieselben, die früher Gedichte Baudelaires gesprochen und mit geistiger Leidenschaft Probleme erörtert, ertappten wir uns, daß wir über Affidavits und Permits redeten, und ob man ein Dauervisum beantragen solle oder ein Touristenvisum; eine kleine Beamtin bei einem Konsulat zu kennen, die einem das Warten abkürzte, war im letzten Jahrzehnt lebenswichtiger als die Freundschaft eines Toscanini oder eines Rolland. (...)

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16. Oktober 2019 [AfD und Islam]
Michael Stürzenberger - eine Einordnung
Wer mit AfD-Anhängern das Gespräch sucht, muss sich darüber im Klaren sein, dass es sich bei den politisch Rechten in Deutschland um keinen homogenen Block handelt. Man muss seinen Gesprächspartner etwa nur einmal zu seinen Ansichten über die USA und Israel befragen, und schon wird man überraschend unterschiedliche Statements zu hören bekommen.
Um da überhaupt noch zu wissen, wo hinten und vorne ist, lohnt es sich vielleicht, sich auch mal einen einzelnen Redner aus diesem Spektrum herauszugreifen und dessen individuelle, mit der vieler AfDler unter Umständen auch im Widerspruch stehende Denkwelt zu analysieren. In diesem Blogeintrag suche ich mir dafür Michael Stürzenberger aus, weil man sich von ihm anhand zahlreicher Youtube-Videos (zum Beispiel hier, hier und hier) auch leicht ein eigenes Bild machen kann.
Michael Stürzenberger ist selbst meines Wissens nicht in der AfD, bewegt sich aber viel in diesem Milieu und spielt ihr mit seinem islamkritischen Aktivismus auf jeden Fall auch in die Hände. Nicht verwunderlich ist es daher, dass es auf jeder seiner öffentlichen Kundgebungen auch viele Gegendemonstranten nicht nur von der Antifa und anderen linken Organisationen, sondern zum Beispiel auch von den evangelischen Kirchen gibt.
In seinen Reden übt er Kritik am Islam, genauer gesagt am politischen Islam. Dabei sind seine Thesen nicht sonderlich überraschend und originell, interessant finde ich es aber dennoch, wie er diese Debatte mit den Menschen auf der Straße führt. Er macht auf Sachverhalte aufmerksam, die aus den Medien auch schon allgemein bekannt sind, wie etwa auf Gewalt, die von Islamisten verübt wird. Dazu hat er auch einen persönlichen Bezug, da ein Parteifreund von ihm aus der CSU (Ralph Burkei) bei den Terroranschlägen von Mumbai 2008 ums Leben gekommen ist.
Michael Stürzenbergers Kernthese besteht darin, dass die Gewalt der Islamisten auch schon im Koran, der heiligen Schrift des Islams, angelegt sei. So sei zum Beispiel das Datum der bekannten Terroranschläge in New York, der elfte September, eine Anspielung auf Sure 9 Vers 111 im Koran, wo zum Kampf gegen die Ungläubigen aufgerufen wird. Aus seiner Sicht sei daher eine vermehrte Wachsamkeit unserer Gesellschaft und unseres Staates auch gegenüber dem Islam allgemein und dem, was in deutschen Moscheen so gepredigt wird, notwendig.
Wie das der AfD ideologisch in die Hände spielt, dürfte wohl unmittelbar einsichtig sein. Was mich aber beim Betrachten seiner Youtube-Videos immer wieder verwundert, ist, wie selten es vorkommt, dass ihm jemand mal ruhig und sachlich seine Denkfehler erklärt, und wie viele seiner Gegner stattdessen nur wild kreischen, zetern und sich teilweise sogar von der Polizei abführen lassen müssen. Das wirkt auf mich etwas hilflos, und es kann da auch schnell mal der Eindruck entstehen, als hätten diese Leute gar keine rationalen Argumente.
Warum ist das so? Ich glaube, dass man den Islam erst dann sachlich und unvoreingenommen beurteilen kann, wenn man sich vorher auch den Gedanken des bedingungslosen Grundeinkommens durchdacht und zu eigen gemacht hat.
Um das zu verstehen, überlegen wir uns erst einmal kurz, was der Islam überhaupt ist. Das lässt sich nur aus dem historischen Kontext seiner Gründung verstehen: Zur Zeit des Propheten Mohammed gab es auf der Welt zwei Buchreligionen, das Judentum und das Christentum. Besonders letzteres hatte damals enormen Einfluss, Konstantinopel als Zentrum der Ostkirche gehörte im siebten Jahrhundert zu den größten und mächtigsten Städten der Welt. Der Grund dürfte ganz einfach gewesen sein, dass in solch archaischer Zeit Menschen, die sich auf eine gemeinsame, unveränderliche Glaubensgrundlage verständigen konnten, einen Vorteil besaßen gegenüber solchen, die an unendlich viele verschiedene Götter und Geister glaubten. Genau zu wissen, woran der andere glaubt, schafft Vertrauen und bildete in der Geschichte häufig die Basis für Geschäftsbeziehungen oder militärische Bündnisse.
Der Preis dafür, dass man so eine feste Grundlage besitzt, ist allerdings, dass auch eine gewisse Starrheit und Inflexibilität damit einhergeht. Denn gesellschaftliche Normen können sich ändern, was in einer heiligen Schrift steht, bleibt dagegen immer gleich. Schon in der Bibel gibt es daher ein Element der Erneuerung, indem Gott darin im Neuen Testament gewisse Normen und Gebote wieder aufhebt, die er zuvor im Alten Testament festgelegt hatte. So müssen sich etwa Christen, anders als Juden, nicht beschneiden lassen und dürfen auch Schweinefleisch essen, wenngleich im Alten Testament gegenteiliges drinsteht. Für Christen ist das Alte Testament nun mal immer auch im Lichte des Neuen Testaments zu interpretieren, niemals nur davon isoliert.
Somit birgt also die heilige Schrift des Christentums schon das Element der Erneuerung in sich, wirkt dabei jedoch zugleich auch nach außen hin vielleicht etwas widersprüchlich. Und zugleich war es auch so, dass auch das Neue Testament zur Zeit Mohammeds schon mehr als ein halbes Jahrtausend alt war und damit, wenn man es nur dem Buchstaben nach lebte, schon etwas angestaubt erscheinen musste.
Es war in einem zeithistorischen Kontext, dass Mohammed seine neue Religion, den Islam gründete. Sein Buch, der Koran, war einheitlich strukturiert und ohne den augenscheinlichen Widerspruch einer Unterteilung in zwei verschiedene Bücher. Insgesamt dürfte der Islam für seine Zeit eine sehr moderne Religion gewesen sein. Zugleich war er allerdings auch von Anfang an darauf ausgelegt, mit dem Schwert in der Hand verbreitet zu werden, und das unterscheidet ihn durchaus vom Christentum.
Hat dann Michael Stürzenberger also doch recht? Durchaus nicht, denn man muss ja auch noch unterscheiden zwischen dem, was in der Bibel gelehrt wird, und dem, was Christen oder Europäer dann auch tatsächlich gemacht haben. Besonders deutlich wird das vielleicht, wenn man sich einmal überlegt, mit welcher Brutalität ab dem fünfzehnten Jahrhundert in Amerika die Eingeborenen unterjocht und versklavt wurden. Die Herrschaft der Spanier und Portugiesen war damals so brutal, dass die Indianer dann meist unter den Peitschenhieben ihrer Unterdrücker gestorben sind und durch importierte Sklaven aus Afrika ersetzt werden mussten.
Dass den Menschen in Nordafrika und dem vorderen Orient nicht dasselbe Schicksal widerfuhr, hängt sehr offensichtlich damit zusammen, dass sie sich rechtzeitig zum Islam bekehrten und damit zum europäischen Expansionsdrang ein Gegengewicht schufen. Jedenfalls, wenn man es in einer Art großen historischen Gesamtschau betrachtet.
Sind auch wir heutigen Europäer noch böse und expansionslüstern? Offensichtlich nicht, denn ich und auch die allermeisten Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis wünschen sich nichts sehnlicher, als in Frieden mit der ganzen Welt zusammenzuleben. Und nichts anderes würde ich auch jedem Muslim unterstellen.
Zugleich gibt es aber natürlich auch einzelne Gruppen, die andere Pläne haben und die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen. Solche Gruppen gibt es sowohl in unserer deutschen beziehungsweise westlichen Kultur als auch unter den Muslimen, nur die Strategien mögen dabei unterschiedlich sein.
Michael Stürzenberger versucht nun, den muslimischen Extremismus einzudämmen, indem er von den Muslimen fordert, sich von allen problematischen Koranversen loszusagen. Und solche Verse gibt es natürlich, wenn man sie wörtlich interpretiert.
Was er dabei jedoch vergisst, dass auch wir Europäer uns von etwas lossagen müssen, wenn wir den Frieden auf der Welt bewahren wollen. Und zwar in unserem Fall nicht von Bibelversen, denn "liebet eure Feinde" gilt auch noch heute. Viel mehr müssen wir uns von der eigentlichen Religion unserer Zeit lossagen, von der Ideologie des Geldes und der eigenen Überlegenheit. Wir müssen uns davon lossagen, dass nur solche Menschen etwas wert sind, die durch ihrer eigenen Hände Arbeit ein Einkommen erwirtschaftet haben.
Und diese Lossagung funktioniert nur mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Dieses ist aus meiner Sicht der effektivste und nachhaltigste Weg, sowohl muslimischem als auch westlich geprägtem Extremismus vorzubeugen und aktiv entgegenzutreten.
Lasst uns das weltweit einführen, nicht nur in Deutschland, denn Muslime sind nach meiner Erfahrung offen dafür. Und die Videos von Michael Stürzenberger kann man sich bis dahin ruhig anschauen - allerdings mit dem nötigen kritischen Abstand, und zugleich auch Gelassenheit. Es sind ganz einfach Zeugnisse unserer heutigen Zeit.

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15. Oktober 2019 [AfD und Flüchtlingspolitik]
Überlegungen zu einem weltweiten bGE
In der Tagesschau wird mindestens einmal im Jahr über das Wachstum des Bruttosozialprodukts (BIP) in Deutschland berichtet: Beträgt es zum Beispiel 1,5%, dann gilt das eine sehr erfreuliche Nachricht, beträgt es 0,5%, ist das nicht überragend, aber immer noch ganz in Ordnung, beträgt es dagegen minus 0,5%, dann befindet sich Deutschland in einer Rezession und gedrückte Stimmung macht sich allerseits breit. Da sich dieses Ritual Jahr für Jahr wiederholt, sind wir alle durch solche Zahlen schon mehr oder weniger konditioniert.
Wenn nun jemand kommt und sagt "ich möchte ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, und das soll bis zu 50% des deutschen Gesamt-BIPs ausmachen", dann wirkt diese Zahl erst mal überraschend und wie aus einer anderen Welt. Es hat jedoch seine Ordnung und Richtigkeit, wenn man sich nur klar macht, was praktisch gesehen hinter solchen Zahlen steckt: Die 0,5% oder 1,5% BIP-Wachstum sind das, um was die Wirtschaftsleistung des Landes (ohne Familie und ehrenamtliche Tätigkeiten) gewachsen ist. Die 50% fürs Grundeinkommen dagegen beziehen sich darauf, welcher Teil des schon vorhandenen BIPs politisch von einem bedingten in ein unbedingtes Einkommen für die Menschen umgewidmet werden soll. Es handelt sich also zwar um einen sehr bedeutsamen Vorgang, jedoch um einen, der sich nach ganz anderen Regeln und Gesetzmäßigkeiten abspielt, als das, was wir vom Tagesschaugucken her gewohnt sind.
Tatsächlich zeigt uns die Tagesschau ja auch nicht die ganze Welt, und zwar - das ist wichtig zu verstehen - nicht aus den Gründen, welche die AfD immer unterstellt, sondern viel mehr deswegen, weil in solchen Nachrichtensendungen nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht wird, und kühne neue Visionen finden dort immer erst dann Erwähnung, wenn sie weit genug "Mainstream" geworden sind, um auch von mindestens einer großen Partei im Bundestag vertreten zu werden. Oder wenn, wie vor einigen Jahren in der Schweiz, schon einmal eine Volksabstimmung zu dem Thema lanciert wurde.
Doch nur, weil ein Stück Lebensrealität noch nicht in der großen Politik angekommen ist, ist es deswegen nicht unwichtig; und man wird nicht alleine schon dadurch ein weiser Mensch, dass man nur jeden Tag die Tagesschau schaut. Vielleicht ist übrigens genau das ein Punkt, den man im Gespräch mit AfD-Anhängern ruhig mal herausstellen kann, wenn man als intelligenter und weltoffener Mensch verzweifelt nach "Common Ground", also nach Gemeinsamkeiten mit seinem Gesprächspartner sucht, um sich von dort aus dann anschließend weiterzutasten.
Ich selbst gucke jedenfalls nur noch eher die Tagesschau, und zwar nicht, weil ich die Informationen dort in irgendeiner Weise für falsch oder unzuverlässig halte - ich glaube darin jedes einzelne Wort - sondern viel mehr, weil mich im Laufe der Jahre vieles darin zu langweilen angefangen hat. Das wahre, echte, richtige Leben spielt sich woanders ab.
Was ist das echte Leben? Das echte Leben ist für mich zum Beispiel, wenn jemand aus seinem Urlaub in Indonesien zurückkommt und erzählt, wie er dort, statt nur am Strand zu liegen, mitten unter den armen Leuten gelebt hat und dabei zu verstehen angefangen hat, dass man auch mit sehr wenig Geld leben und trotzdem glücklich sein kann.
Dieses Beispiel habe ich mir jetzt gerade nur ausgedacht, denn ich komme nicht wirklich aus dieser "Backpacker"-Szene, aber ich meine es nichtsdestotrotz ernst. Ich glaube, dass man hier und nicht durchs ständige Starren aufs BIP das wahre Leben entdecken kann.
AfD-Anhänger wird man nun allerdings so erst mal nicht überzeugen können, denn Aussteigern mit solchen Reiseerfahrungen haftet in unseren Breiten ein bestimmter Ruf an: Meistens kommen diese aus eher privilegierten Schichten, und zwar nicht nur in finanzieller Hinsicht (sodass sie sich eine Reise ans andere Ende der Welt leisten können), sondern auch in der Hinsicht, dass sie in ihrer Kindheit so wenig Traumata erlebt haben, dass sie auch wirklich einen selbstbewussten, neugierigen und wagemutigen Charakter entwickeln konnten, welchen man einfach braucht, um sich im Urlaub nicht bloß nach Chillen am Strand zu sehnen, sondern sich tatsächlich auch unter die Bevölkerung mit ihrer fremden Sprache und fremden Kultur zu mischen.
Kommen solche Leute dann von ihrem Urlaub nachhause zurück, wirken sie erst mal ungeheuer klug und tiefgründig, weil sie solche besonderen Erfahrungen gemacht haben. Nur, wenn man dann genauer hinguckt und nachbohrt, wie sich eigentlich ihr Leben dann anschließend noch geändert hat, wird man in den meisten Fällen wohl feststellen, dass sie zwar einige kunstvolle Totemmasken bei sich zuhause im Wohnzimmer hängen haben, im übrigen aber ein Leben führen wie jeder andere Europäer auch, denn: Wer möchte wirklich sein ganzes Leben in Armut verbringen? Spätestens, wenn man mal Zahnschmerzen hat, möchte man sich wohl meist nur ungern zu einem Schamanen im Urwald zur Therapie begeben.
Also hat das alles irgendwie etwas Schiefes, und dieser Eindruck verstärkt sich sogar noch, wenn man darüber nachdenkt, dass die mittellosen Menschen in Papua-Neuguinea, mit denen dieser Backpacker-Tourist einmal so fröhliche Stunden verbracht hat, natürlich weiterhin mit ihren Zahnproblemen zum Urwaldschamanen gehen müssen, oder in manchen Jahren Hunger leiden, weil das Essen nicht reicht. Dass solche Urlauber mit ihren einstigen Gastgebern das ganze Leben lang in Kontakt bleiben und sie dann aus der Ferne mit Geldüberweisungen oder ähnlichem unterstützen, dürfte schließlich eher die Ausnahme als die Regel sein.
Deswegen muss man beim Nachdenken über diesen ganzen Dritte-Welt-Tourismus, gerade wenn deutsche Urlauber da tiefgründige Lebensweisheiten draus ableiten, auch immer irgendwie ein bisschen Bauchschmerzen haben. Gut herausgearbeitet wird das auch in dieser Dokumentation hier, wobei diese vielleicht fast schon wieder ein wenig zu einseitig ist: Denn diejenigen, die nach Afrika oder sonstige Länder des (sogenannten) globalen Südens reisen, können dabei natürlich auch sehr ehrenwerte Absichten haben, und die Erfahrungen, die man dabei sammelt, können auch tatsächlich sehr tiefgründig und prägend fürs weitere Leben sein.
Doch so komplex diese ganze Thematik auch ist, zwei einfache Tatsachen lassen sich doch gut als Zwischenbilanz ziehen: Erstens, dass auch Menschen in armen Ländern glücklich sein können - sie haben wenig Geld, aber sie müssen dafür meist auch relativ wenig Miete zahlen, die Haare werden eben zuhause geschnitten, die Kinder kommen auch ohne jeden Geburtstag eine neue Playstation aus; und wenn jemand alt und krank ist, dann kümmert sich die Familie um sie oder ihn. Und zweitens, dass eben auch das Gegenteil irgendwie stimmt: Menschen in armen Ländern leben oft in himmelschreienden Zuständen, etwa was die Bildung der Kinder oder die medizinische Versorgung betrifft, und als Europäer nur mal so zum Spaß dorthin zu reisen ohne nachhaltig auch etwas zur Verbesserung solcher Zustände beizutragen, ist und bleibt moralisch mit vielen Fragezeichen behaftet.
Und an dieser Stelle kommt nun die Idee des weltweiten bedingungslosen Grundeinkommens ins Spiel: Statt jeden Backpacker-Touristen aufs Neue vor dieses moralische Dilemma zu stellen, wieviel er diesen Menschen, denen er in anderen Teilen der Welt begegnet, anschließend tatsächlich helfen kann oder soll, würde mit einem bGE, und sei es auf noch so bescheidenem Niveau, dafür gesorgt, dass niemand mehr hungern muss und jede*r wenigstens eine minimale medizinische Grundversorgung in Anspruch nehmen kann. Und, was ich nicht weniger wichtig finde: Jeder Mensch im globalen Süden sollte die Perspektive haben, auch irgendwann mal nach Europa umziehen zu können, wenn er das möchte und gut mit unserer Kultur zurechtkommt.
Das wäre dann nicht einfach nur ein Geschenk an die Menschen in der (früher so genannten) Dritten Welt, sondern würde auch uns selbst zugute kommen. Denn zwar hat man heute als Deutscher schon die Möglichkeit, in beinahe jedes Land der Welt unkompliziert als Tourist einzureisen, doch wenn man dort länger als drei Monate bleiben möchte, wird in vielen Fällen schon komplizierter. Genau wie in Deutschland ist das auch in vielen anderen Ländern auf der Welt so geregelt, dass Leute mit besonderen beruflichen Qualifikationen bei der Visavergabe bevorzugt behandelt werden, und oft gibt es dann auch noch für Leute mit ganz, ganz viel Geld gewisse Schlupflöcher, die man nutzen kann. Wer dagegen einfach nur deswegen in ein Land auswandern möchte, weil ihm die dortige Kultur und Lebensart so gut gefällt, für den hat man in den Amtsstuben auf der ganzen Welt meist nur ein müdes Lächeln übrig.
Dies mit einem BGE zu ändern, scheint mir beinahe noch wichtiger als alle wirtschaftlichen Erwägungen... Ob das AfD-Anhängern wohl zu vermitteln ist? Ich glaube schon, denn wer sich beispielsweise mal mit der identitären Bewegung beschäftigt hat, die ja der AfD weltanschaulich sehr nahesteht, der wird rasch festgestellt haben, dass auch dort die Argumentationsketten nicht primär wirtschaftlicher Natur sind. Hier sehe ich eine ganze Menge Anknüpfungspunkte.
Jetzt zum Schluss möchte ich, als Nachtrag sozusagen, kurz noch die Frage beantworten, wie sich ein globales BGE eigentlich auf die Weltbevölkerung auswirken würde. Sicher wissen kann man es natürlich nicht, doch meine Vermutung ist, dass die Weltbevölkerung dann weniger schnell wachsen würde als jetzt. Denn dass gerade die Menschen in den Entwicklungsländern so viele Kinder bekommen und in der industrialisierten Welt nicht, hat den Hintergrund, dass Kinder in ärmeren Ländern oft als so eine Art Absicherung für das Alter betrachtet werden. Je mehr Kinder man hat, desto weniger Sorgen muss man sich machen, als alter Mensch nicht in Würde leben zu können. Mit einem weltweiten bGE hingegen wäre man so oder so abgesichert. Und diesen wichtigen Effekt werden wir übrigens nicht beobachten können, wenn wir nur zeitlich begrenzte Experimente durchführen wie jetzt gerade in Kenia, sondern das wird sich erst mit einem "echten", lebenslangen bGE verifizieren oder falsifizieren lassen. Doch was wollen wir sonst gegen das weltweite Bevölkerungswachstum tun? Ich behaupte, dass die meisten AfDler darauf nicht wirklich eine kluge, weitsichtige und mit der Würde des Menschen vereinbare Antwort geben können. Deswegen bin ich für ein weltweites bGE und gegen die AfD.

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14. Oktober 2019 [AfD und Flüchtlingspolitik]
Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer
Wenn AfD-Sympathisanten sagen, was für eine Art von Flüchtlingspolitik sie wollen und was sie nicht wollen, dann fällt sehr oft der Name Carola Rackete. Das ist eine ehrenamtliche Seenotretterin ungefähr in meinem Alter, die dieses Jahr auf dem Mittelmeer 53 Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet hat. Kaum ein Youtuber aus den einschlägigen Kreisen lässt es sich nehmen, über sie herzuziehen und sie argumentativ auseinanderzunehmen, denn Carola Rackete fällt wie die schwedische Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg in ein bestimmtes Schema: jung, idealistisch und noch dazu weiblichen Geschlechts. So jemanden darf man doch als politisch korrekter Mensch gar nicht kritisieren; also kritisieren wir sie dann erst recht - wen diese Denklogik interessiert, der kann sich hier, hier und hier teils amüsante, teils empörende Beispiele dazu ansehen.
So krude diese Ansichten auch sind, so bekommen sie auf YouTube dennoch tausende Likes und zehntausende Aufrufe, und es ist - das weiß ich auch aus eigener Anschauung - statistisch nicht ganz unwahrscheinlich, auf der Straße mal jemanden zu treffen, der ähnliche Meinungen hat. Wie soll man damit umgehen, außer gleich das Gespräch abzubrechen?
Zuerst einmal würde ich mir da klar machen, dass man die hier präsentierte Denklogik ja auch umdrehen kann: Wenn es mutig ist, jemanden wie Carola Rackete oder Greta Thunberg zu kritisieren, obwohl man das doch "gar nicht darf", dann ist es auch mutig, sie argumentativ zu verteidigen, denn auch das "darf man" ja dieser Logik zufolge nicht (wenn man nicht schnell als blauäugiger Idealist dastehen will, der unkritisch alles der Mainstreampresse nachplappert). Genau das werde ich deswegen in den folgenden Zeilen tun, nicht ohne dabei auch die eine oder andere kritische Analyse vorzunehmen.
An welchem Punkt macht sich Carola Rackete (in den Augen ihrer Gegner) überhaupt angreifbar? Denn dass sie 53 Menschen das Leben gerettet hat, dagegen würde erst einmal ganz bestimmt kein AfD-Anhänger etwas sagen. Was kritisiert wird, ist, dass sie das nicht in aller Stille gemacht hat, sondern es auch mit politischen Forderungen verbindet. Und sobald jemand politisch etwas fordert, müssen natürlich auch Gegenstimmen erlaubt sein. Wie alt oder welchen Geschlechts jemand ist, spielt dabei erst einmal keine Rolle.
Hier kommen wir nun zu den eigentlich interessanten und wichtigen Gedanken: Was genau fordert die genannte Seenotretterin eigentlich, und was sind auf der Sachebene die Argumente, welche dagegen sprechen?
Worum es da geht, ist, kurz gesagt, dass den Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer deutlich mehr geholfen werden sollte, damit keiner mehr dort ertrinken muss. Das ist simpel und einleuchtend. Das Gegenargument ist, dass dann möglicherweise immer mehr Flüchtlinge nach Europa kämen. Das ist unbewiesen und wird von Carola Rackete auch angezweifelt, ist aber von der Denklogik her nicht ganz aus der Luft gegriffen.
Und dass es das in der Tat nicht ist, könnte der wunde Punkt in der Debatte sein. Denn überlegen wir uns mal folgende Zahlen: Auf diesem Planeten leben acht Milliarden Menschen, ungefähr fünf Milliarden davon in armen Ländern. Wenn davon jetzt eines Tages nicht mehr nur eine Million (also ein Fünftausendstel), sondern zwei oder drei, oder zwanzig Millionen zu uns nach Europa käme: Wäre ein solches Szenario a) wie gesagt sowieso völlig undenkbar, b) gar nicht schlimm, oder c) lässt sich so etwas durch bestimmte Maßnahmen verhindern? Wie uneinig sich die Leute da mitunter sind, zeigt sich darin, dass es selbst innerhalb der Partei Die Linke schon mal sehr kontroverse Debatten zu diesem Thema gab. Und von dieser gedanklichen Planlosigkeit profitiert natürlich die AfD.
Persönlich glaube ich, dass Antwort A nicht die zutreffende ist: Eine noch deutlich größere Flüchtlingswelle, als die, die wir in den letzten Jahren erlebt haben, wäre keinesfalls undenkbar. Die Weltbevölkerung wächst immerhin pro Jahr um 78 Millionen Menschen (Quelle: Wikipedia). Und ob diese alle ihr ganzes Leben lang in ihren Herkunftsländern bleiben werden, hängt letztlich davon ab, was für Perspektiven sie dort haben.
Selbst wenn wir optimistisch davon ausgehen, dass es nie wieder einen Krieg oder eine Hungersnot auf diesem Planeten geben wird: Könnte es nicht sein, dass die eine oder andere Million von den Erdenbürgern sich auch mal aus persönlichen oder wirtschaftlichen Gründen entschließt, ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland zu verlegen? Vielleicht gefällt jemandem auch die deutsche Kultur oder das Betriebsklima in deutschen Unternehmen. Zu sagen: Das geht doch nicht und ist doch völlig absurd, wenn jemand doch seinen Geburtsort in Afrika hat - das wäre Rassismus pur, oder zumindest dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts nicht mehr wirklich entsprechend.
Und wenn die Weltbevölkerung in den nächsten zwanzig Jahren vielleicht um zehn Prozent ansteigen wird, warum soll es dann so vollkommen abwegig sein, dass zum Beispiel auch die deutsche Bevölkerung um zehn Prozent wächst; das wären dann acht Millionen Menschen zusätzlich? Ich stelle das nur mal so als Frage in den Raum, denn selbstverständlich gibt es Argumente, die man dagegen aufführen kann und die wir vielleicht dann auch ernst nehmen müssten: So würde ein Bevölkerungsanstieg in solchen Dimensionen in Deutschland zum Beispiel vielerorts auch das Stadtbild verändern; wo heute pittoreske Fachwerkhäuser stehen, müssten auf einmal riesige Wohnblocksiedlungen errichtet werden.
Ob wir das auch wirklich wollen, ist eine politische Frage, und ich will ihrer Beantwortung hier nicht vorgreifen. Nur eines finde ich ganz wichtig klarzustellen: Ob es so oder so kommt, ist nicht durch Sachzwänge schon festgelegt, sondern kann demokratisch entschieden werden. Denn es gibt Möglichkeiten, effektiv darauf Einfluss zu nehmen, wie stark die Weltbevölkerung wächst und wieviele davon nach Deutschland kommen.
Wie? Indem wir uns um die weltweite Etablierung eines bedingungslosen Grundeinkommens bemühen. Welche Herausforderungen sich dabei stellen, welche lieb gewonnenen Denkgewohnheiten dabei zu überwinden und welche Fallstricke zu vermeiden sind, darüber und auch dazu, was genau denn jetzt eigentlich der Zusammenhang zwischen BGE und weltweitem Bevölkerungswachstum ist, werde ich im Laufe der kommenden Tage auf diesem Blog vielleicht noch weitere Überlegungen anstellen.

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13. Oktober 2019 [Zeitgeschichte]
Die Geister der Vergangenheit
In unserer heutigen Zeit wird es immer einfacher, Texte, Bilder, Musik und Videos der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist natürlich insbesondere für historisch Interessierte ein Segen, weil man so nicht mehr in Bibliotheken oder Museen gehen muss, um sich zu informieren, sondern man mehr und mehr ganz einfach am heimischen Computerbildschirm aufrufen kann. Beeindruckend finde ich zum Beispiel, wie viele alte Gemälde man heute schon in hervorragender Qualität auf Wikipedia anschauen kann (zum Beispiel solche aus der Alten Pinakothek in München oder dem Louvre in Paris) oder wieviele klassiche Bücher man beim Projekt Gutenberg schon online lesen kann. Dabei gilt die Faustregel, dass man jedes Werk, dessen Urheber schon seit mindestens siebzig Jahren tot ist, inzwischen dort online kostenlos aufrufen kann, weil da dann schon das Copyright abgelaufen ist. Das heißt also, jetzt im Augenblick alle Werke, deren Urheber vor 1949 gestorben ist.
Somit könnten heute nicht nur Adolf Hitlers "Mein Kampf", sondern auch die Bücher zahlreicher anderer Nazigrößen eigentlich frei verbreitet werden, sodass man sich als geschichtlich interessierter Mensch noch leichter als bisher darüber informieren kann. Doch die Frage stellt sich hier natürlich sehr akut, ob so etwas überhaupt wünschenswert ist. Oder wäre es am Ende nicht sogar gefährlich?
Eine Debatte in diese Richtung gab es schon mal vor einigen Jahren im Zusammenhang mit dem Projekt Zeitungszeugen. Damals wurden verschiedene Zeitungen aus den Dreißigern nachgedruckt, um sie der heutigen Öffentlichkeit zugänglich zu machen: pro Ausgabe jeweils eine linksextreme, eine neutrale und eben auch eine rechtsextreme, alles zusammen kommentiert von Historikern. Es gab damals auch Kritik, doch insgesamt wurde dieses Zeitungsprojekt, glaube ich, ganz gut aufgenommen. Für Neonazis, so wurde argumentiert, seien solche alten Zeitungen sowieso zu abstrakt und zu trocken, um davon angesprochen zu werden.
Tatsächlich glaube ich auch, dass dieses Projekt Zeitungszeugen zweifellos eine gute Idee war, denn je freier Informationen über eine solche Zeitepoche zugänglich sind, desto besser kann man sich davon auch ein sachliches und objektives Bild machen, und desto weniger anfällig ist man dann anschließend auch gegenüber rechter Propaganda, welche die Geschichte verfälschen will. Nur, wenn etwas unter Verschluss gehalten wird, können sich darum Mythen bilden.
Ganz entschieden ist dieser Streit jedoch offensichtlich noch nicht, denn im Internet findet man das meiste, was zur Zeit des Dritten Reiches so veröffentlicht wurde, fast nur auf dubiosen Seiten aus dem Ausland, oder (im Falle der Wochenschau) bruchstückhaft und in eher schlechter Qualität auf Youtube. Hier stellt sich dieselbe Frage, über die schon beim Projekt Zeitungszeugen gestellt wurde, noch einmal neu: Muss das eigentlich so sein, oder wäre ein lockerer Umgang mit unserer Geschichte für die Gesellschaft nicht gewinnbringender? Gerade im Hinblick auf den Umgang mit Rechten?
Dass die Entscheidung darüber nicht ganz trivial ist, liegt vermutlich vor allem daran, dass Tonbandaufnahmen von Reden und Videosequenzen, und seien sie auch schwarz-weiß, eben nicht ganz so trocken und emotionslos sind wie Zeitungsartikel. Wer sich so etwas im Original anguckt, der könnte schon eher davon beeinflusst werden, und speziell die Jugend möchte man natürlich davor schützen.
Doch muss man sich auch als Erwachsener davor hüten, sich so etwas "reinzuziehen", weil man sonst unversehens vom braven Bürger zum Nazi mutiert? Ich selbst habe mir so einiges an Hitlerreden und Wochenschaubeiträgen im Internet angesehen, und mir einen Großteil der Goebbelsreden in einem antiquarischen Buch schwarz auf weiß durchgelesen. Gerade die Wochenschaufilme sind zum Teil recht beeindruckend, weil sie ein sehr plastisches, wenn auch natürlich einseitiges Bild ihrer Zeit geben. Man vergisst da schon mal schnell, dass es zur selben Zeit auch den Holocaust gegeben hat.
Und doch glaube ich, dass dieselben Argumente wie bei den Zeitungszeugen auch hier gelten: Man schwächt die Rechten nicht dadurch, dass man historisches Material unter Verschluss stellt und es dadurch mystifiziert. Das ist sehr ähnlich wie auch mit den Drogen: Sobald man sie legalisiert (das zeigen alle Erfahrungen), werden sie gesellschaftlich nicht schwieriger, sondern im Gegenteil sogar einfacher zu beherrschen.
Zugleich sollte man es der Öffentlichkeit auch noch leichter machen, online an Zeitzeugenberichte von Holocaustüberlebende zu gelangen, oder an Medienberichte anderer Kriegsparteien - das alles war ja damals im Dritten Reich verboten, und vor allem dadurch erlangte die Propaganda der Nazis eine so starke psychologische Wirkung in der Bevölkerung. Ausgewogenheit scheint mir hier der Schlüssel zu sein, damit die Geister der Vergangenheit nicht wieder aus ihren Gräbern schweben.
Und auf pazifistische Buchklassiker wie "Die Waffen nieder!" von Bertha von Suttner oder "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque sollte man auch immer wieder neu hinweisen.

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11. Oktober 2019 [AfD und Klimawandel]
Faktenwissen über den Klimawandel
Dass die AfD den Klimawandel leugnet, ist sicher eines der offensichtlichsten Argumente, diese Partei nicht zu wählen. Doch wie kommen Menschen überhaupt dazu, das zu leugnen, wenn es doch wissenschaftlich einwandfrei bewiesen ist? Außer auf den Wikipedia-Artikel zu diesem Thema zu verweisen, in dem diese Frage ziemlich ausführlich von verschiedenen Seiten beleuchtet wird, möchte ich hier in diesem Blog auch noch eine eigene Vermutung dazu aufstellen.
Dazu müssen wir uns zuallererst einmal überlegen, warum eigentlich bei den Fridays-for-Future-Demos fast nur Schüler streiken. Geht der Klimawandel den Rest der Bevölkerung denn nichts an? Sollten nicht Menschen aller Altersgruppen für eine CO2-Reduzierung auf die Straße gehen? Zu alt, um die Folgen der Erderwärmung noch zu erleben, ist man vielleicht ab Mitte sechzig, aber nicht schon mit dreißig oder vierzig.
Ein Teil der Antwort ist sicher, dass die Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft heute schon so sind, dass einen Tag in der Woche Abwesenheit vom Schulunterricht zwar noch okay ist, aber ein Tag Abwesenheit vom Arbeitsplatz in der Woche in der Vorstellung vieler schon beinahe den Zusammenbruch der ganzen Volkswirtschaft zur Folge hätte (hier sieht man, nebenbei bemerkt, in was für einer bizarren Gedankenwelt auch sehr viele Nicht-AfD-Wähler leben).
Der zweite Teil der Antwort hat etwas mit unserem Bildungssystem zu tun: Als ich etwa in den neunziger Jahren noch zur Schule ging, war der Stand der Wissenschaft in Bezug auf den Umweltschutz noch ein anderer als heute. Damals haben wir gelernt, dass das Ozonloch ein großes Problem ist, weil durch die UV-Strahlung zum Beispiel die Menschen in Australien und Neuseeland schneller Hautkrebs bekommen können als wir in Europa. Die Möglichkeit, dass sich das Klima der Erde erwärmen könnte, stand damals auch schon im Raum, wurde jedoch eher als Randthema behandelt, weil sich da die Wissenschaftler noch nicht ganz einig waren. Deswegen war das Gebot der Stunde zu jener Zeit, die FCKW-Emissionen zu reduzieren, möglichst auf null; und das war damals, Mitte der Neunziger, auch gerade schon erfolgreich international durchgesetzt worden. Über CO2 redete damals niemand.
Inzwischen ist der Stand der Wissenschaft wieder ein ganz anderer. Heute ist völlig unbestritten, dass es die globale Klimaerwärmung gibt, und dass sie eine Gefahr für unseren Planeten darstellt. Dies ist eine extrem wichtige Neuigkeit, und im Grunde genommen hätte vielleicht jeder, der seine Schulbildung noch in den neunziger Jahren oder noch früher erhalten hat, von der Bundesregierung einen Brief geschickt bekommen müssen: "Sehr geehrter Herr oder Frau XY, Sie sind in unserem Land zwölf Jahre lang zur Schule gegangen und haben im Zuge dessen eine umfangreiche Allgemeinbildung bekommen. Wir weisen Sie nun aber darauf hin, dass das, was Sie damals gelernt haben, heute nicht mehr aktuell ist. Bitte informieren Sie sich selbstständig noch einmal neu über den Klimawandel, damit Sie mit Ihrem Wissen wieder auf dem allerneuesten Stand sind. Mit herzlichen Grüßen, Ihr Bildungsministerium."
Einen solchen Brief habe ich jedoch nie bekommen, und auch sonst niemand. Das ist der Grund, warum sich zwar Schüler und Klimatologen des Ernstes der aktuellen Lage bewusst sind, der Rest der Bevölkerung jedoch nicht. Denn in den zwölf oder dreizehn Jahren Schule, die man im Leben genießt, lernt man doch alles, was man fürs Leben braucht. Oder etwa doch nicht?
Letztendlich geht es ganz einfach darum, dass wir erkennen müssen, wie wichtig in der heutigen, sich rasch verändernden Welt lebenslanges Lernen ist. Und zwar nicht nur für den Beruf, sondern auch, um unserer Verantwortung als Staatsbürger noch gerecht werden zu können. Das Bildungssystem, das wir haben, stammt nämlich noch aus dem neunzehnten Jahrhundert. Dies müssen wir vielleicht nicht nur den AfD-Wählern erst mal erklären und klar machen, sondern auch jedem anderen.
Wer gerne sein Wissen über das Klima auffrischen möchte, dem empfehle ich zum Einstieg erst mal die Videos von Harald Lesch, der es ziemlich gut versteht, komplizierte Fakten allgemeinverständlich aufzubereiten: Das AfD-Klimaquiz für Schüler, Missverständnisse zum Klimawandel aufgeklärt
Sowie außerdem den Wikipedia-Artikel über das Thema, der sehr genau und ausführlich ist. Von AfD-Wählern wird die Glaubwürdigkeit der Wikipedia übrigens auch gerne bestritten, aber das ist noch einmal ein eigenes Thema. Ich persönlich glaube, dass die Wikipedia gerade bei naturwissenschaftlichen Themen sehr zuverlässig ist: Wer da anderer Meinung ist, kann ja auch jederzeit in die Stadt- oder Universitätsbibliothek gehen und die Informationen, die er da sieht, stichprobenweise überprüfen. Vergesst nur nicht, bei Büchern über das Klima auf das Erscheinungsjahr zu achten. Alles, was älter als zwanzig Jahre ist, ist heute nun mal unter der Rubrik "Geschichte der Klimaforschung" einzuordnen. Dass das nichts mit George Orwells 1984 zu tun hat (Insiderjoke für alle, die dieses Buch gelesen haben), das müsst ihr AfD-Wählern einfach klar machen.
Außerdem möchte ich hier noch ein Video mit Richard David Precht und der 21-jährigen Klimaaktivistin Carla Reemtsma empfehlen. Zwar mögen einige von Reemtsmas Statements, wie in den Kommentaren auf Youtube kritisiert wurde, auch etwas steif und auswendig gelernt wirken, doch finde ich es schon mal sehr lobenswert und beispielhaft, dass im Zusammenhang mit dem Klimawandel überhaupt ein echtes Gespräch zwischen den Generationen stattfindet. Den Eindruck, nur eine "Klimahysterikerin" zu sein (wie Klimaaktivisten in der AfD gerne mal abfällig genannt werden), macht Carla Reemtsma auf keinen Fall.

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10. Oktober 2019 [Buchrezension]
Wut. Woher und warum?
AfD-Wähler werden in den Medien schon mal gerne als Wutbürger bezeichnet. Ich halte diesen Begriff für etwas problematisch in der Debatte und werde gleich auch noch erläutern, warum. Doch was ist eigentlich Wut, woher kommt sie und wie gehen wir am besten damit um? Um dieser Frage mal auf den Grund zu gehen, möchte ich gerne ein Buch rezensieren, das vor zwei Jahren erschienen ist und dessen Titel sowohl neugierig macht, als auch in politischer Hinsicht eine gewisse Ausgewogenheit verspricht: Wut: Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen.
Die Autorin heißt Julia Ebner und ist 1991 in Wien geboren. Sie hält auch manchmal Vorträge, zum Beispiel hier . Was man über das Buch zuerst einmal wissen muss, ist, dass es darin nicht spezifisch um die Wutbürger in der AfD geht. Es ist ursprünglich auf Englisch unter dem Titel "The Rage" erschienen und handelt von den Erfahrungen, die diese Autorin gemacht hat, als sie sich incognito einmal unter englische Rechtsextreme und einmal unter Islamisten gemischt hat. Uninteressant fand ich das Buch aber trotzdem nicht, denn einiges davon lässt sich ja auch auf Deutschland übertragen, und vor allem geht es um Wut - ein universales Thema der Menschheit.
Julia Ebners Kernthese ist, kurz gesagt, dass Islamisten und Rechtsextreme sich in ihrer Wut gegenseitig aufschaukeln. Wann immer ein Islamist irgendwo einen Anschlag verübt, wird das von deutschen oder englischen Rechtsextremen als Argument in ihrer Propaganda verwertet, und wann immer ein "weißer" Rechtsextremer einen Anschlag verübt (wie beispielsweise der von Christchurch in Neuseeland), schürt das logischerweise die Wut auf alles Unislamische bei den Islamisten.
Im Grunde genommen ist diese Einsicht auch irgendwie banal, aber es lohnt sich trotzdem, seine Gedanken mal eine Weile darauf zu fokussieren. Unter anderem finde ich es bemerkenswert, dass es bis heute keinen eigenen Fachbegriff dafür zu geben scheint, unter dem man eine solche (postulierte) Motivation, wie Konflikte entstehen oder sich verschärfen können, zum Beispiel in der Wikipedia nachschlagen könnte. Dabei wird das ja gar nicht so selten zur Erklärung von gewalttätigen Auseinandersetzungen herangezogen, man denke zum Beispiel an den Ersten Weltkrieg: Auch damals hat sich die deutsche und französische Propaganda gegenseitig hochgeschaukelt. Wenn ein gemäßigter Franzose einem weniger gemäßigten gegenüber behauptete, die Deutschen seien doch gar nicht so gefährlich, dann musste dieser ihn nur auf den Militarismus der Deutschen verweisen - und dieser wiederum war, unter anderem, durch die tief sitzende Angst vor den Franzosen begründet, die ja unter Napoleon schon mal in Deutschland einmarschiert waren. So zumindest könnte man sich europäische Geschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts erklären.
Zugleich sollte man allerdings, finde ich, nicht vergessen, dass es auch Konflikte gab, bei welchen ein solches Erklärungsmuster nicht greift. Schon der Zweite Weltkrieg ist da ein sehr offensichtliches Beispiel: England hat damals gegenüber dem Nazireich anfangs eine klare "Appeasement"-(Beschwichtigungs-)Politik betrieben, jedoch wurde Hitler dadurch nur noch mehr dazu ermuntert, seine aggressive Außenpolitik fortzuführen. Und die deutschen Juden waren damals so friedlich wie es nur irgendwie ging, das konnte den Zorn der Nazis auf sie offenbar kein bisschen beschwichtigen. Wenn man es mit Ideologien zu tun hat, dann greift die Theorie "Konflikte entstehen durch gegenseitiges Hochschaukeln" also ganz offensichtlich zu kurz.
Wenngleich sich Julia Ebners Überlegungen in ihrer Allgemeinheit also so vielleicht nicht halten lassen, konnte ich ihrem Buch dennoch so einiges abgewinnen. Denn sie plädiert zum Beispiel dafür, nichts zu beschönigen: Weder sollten wir islamistische Anschläge mit Verweis auf rechtsextreme Anschläge herunterspielen, die gleichzeitig stattfinden, noch rechtsextreme mit islamistischen. Und wenn man das einen Schritt weiterdenkt, dann wäre es ja, dieser Gedanke hat sich mir beim Lesen jedenfalls aufgedrängt, vielleicht sogar sinnvoll, sowohl Islamisten als auch Rechtsextreme konsequent und durchgehend nur noch als "Extremisten" zu bezeichnen, sowohl in den Medien als auch im eigenen Denken. Denn ob ein Extremist muslimischer oder deutscher Herkunft ist und seinen Hass dann jeweils entsprechend ideologisch unterlegt, spielt von außen betrachtet doch gar keine so große Rolle.
Sehr nützlich in Diskussionen ist dieser Gedankengang auch deswegen, weil er einem eine Möglichkeit in die Hand gibt, dem Argument vieler AfD-Anhänger, man würde als Mainstream-Deutscher (Wähler der "Altparteien") islamistische Terroranschläge kleinreden, wirksam zu begegnen: Als Nicht-AfDler nimmt man die Gefahr von Gewaltakten ernst, und hat deswegen ein wachsames Auge für jede Form von Extremismus. Man muss da gar nicht, wie es die Ideologen gerne hätten, den einen Extremismus gegen den anderen ausspielen.
Eine letzte Anmerkung hätte ich trotzdem noch. Julias plakative Hauptthese, die sie groß auf dem Titelblatt ihres Buches bewirbt, ist ja auch noch, dass Rechtsextreme und Islamisten gleichermaßen wütend sind: Das impliziert natürlich, dass alle diejenigen Bürger, die keiner dieser beiden Gruppen angehören, immer besonnen, rational und vernünftig sind.
Doch ist das wirklich so? Auch Linke, Grüne sowie Teilnehmer*innen bei der Fridays-for-Future-Bewegung erlebt man nun mal oft wütend. In vielen Fällen natürlich ganz zurecht, denn was heutzutage so auf der Welt alles abgeht, das kann einen auch manchmal wütend machen... Wer nun allerdings als Anwalt der Vernunft auftritt und dabei öffentlich jedem, der irgendwie Wut zeigt, gleich aus dem Ärmel heraus unterstellt, irrational und extremistisch zu sein, der schießt sich in der Diskussion mit AfD-Wählern, fürchte ich, ein ziemlich böses Eigentor.
Tatsächlich würde ich behaupten, dass sogar jede Wut, die man auf dieser Welt erlebt, auch irgendwo ihren ganz kleinen wahren Kern hat. Denn wütend ist man ganz einfach dann, wenn man zwar berechtigte Gefühle hat, diese jedoch aus irgendwelchen Gründen nicht gut zu artikulieren versteht. Und wird das dann von jemandem belächelt oder kleinredet, dann facht das diese Wut eher noch weiter an.
Doch was könnte nun eigentlich dieser wahre Kern bei der innerlichen Wut von Rechtsextremen und Rechtspopulisten sein, oder eben auch von Islamisten? Meine Vermutung ist, dass beide irgendwie das Gefühl haben, dass die Entscheidungsträger in diesem Staat sie im Stich gelassen und sich nicht ausreichend darum bemüht haben, sie als Menschen in die Gesamtgesellschaft zu integrieren. Dafür erleben sie dann das Gefühl von Integration in anderen Gemeinschaften, nämlich bei den Extremisten. Und es gibt nun mal, das muss man wissen, nicht nur schlecht integrierte Ausländer, sondern auch schlecht integrierte ("Bio-")Deutsche.
Wie könnte nun eine solche Integration in die Gesamtgesellschaft wohl gelingen, und zwar ohne dass wir uns erpressen lassen; ohne dass wir Ideologien mehr Raum geben, denen wir eigentlich keinen weiteren Raum geben wollen?
Indem wir nicht die Ideologien dieser Leute, sondern sie selbst als Menschen in unsere Gesellschaft mit aufnehmen. Indem wir ihnen, und jedem anderen auch, als Signal des Unter-uns-willkommen-seins ein bedingungsloses Grundeinkommen gönnen und geben. Und dabei im übrigen natürlich auch weiterhin noch jeder Form von Extremismus in unserem Land mit allen Methoden des Rechtsstaats entgegentreten.

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9. Oktober 2019 [Zeitgeschichte]
Porajmos: der vergessene Holocaust
Wer auf Anhänger von der AfD zugeht und mit ihnen ein Gespräch beginnen möchte, der sollte vielleicht nicht unbedingt mit dem Thema Holocaust einsteigen, denn andernfalls wird er oder sie wohl eher spöttisches Gelächter oder Empörung ernten... Und zwar vielleicht zurecht: Denn erstens bestreiten die weitaus meisten AfD-Wähler weder, dass es dieses schlimme Verbrechen in der Menschheitsgeschichte gab, noch wünschen sie sich in diese Zeit zurück. Zweitens ist es zudem auch noch ein klein wenig scheinheilig, als Mainstream-Deutscher nur mit dem Finger auf diese Partei zu zeigen, wenn es um das Thema Verdrängung geschichtlicher Fakten geht.
Warum? Bevor ich darauf eingehe, möchte ich zuvor noch eine kleine, aber wichtige Anmerkung machen, mit der man auch AfDler von Zeit zu Zeit schon mal konfrontieren kann: Holocaustleugner gibt es, und zwar auch hier in Deutschland. Es sind meistens sehr alte Leute, aber es steht ihnen auch nicht auf die Stirn geschrieben; und so kann es einem in Deutschland durchaus passieren, dass die nette alte Dame, die einen zum Tee einlädt, in Wahrheit völlig verquere Ansichten hat. Wer nicht glaubt, dass es so etwas auch heute noch gibt, der sollte sich zum Beispiel mal dieses Video ansehen.
Und weil das so ist, muss auf dieses Thema auch immer mal wieder hingewiesen werden, auch wenn vielleicht mancher dessen schon überdrüssig ist, weil es in den Schulen (behaupten jedenfalls viele) schon so ausführlich besprochen wird. Auch auf dem Gymnasium, auf das ich gegangen bin, wurde übrigens darüber gesprochen, jedoch keineswegs ausführlicher als, sagen wir mal, das alte Ägypten oder die französische Revolution. Nur, dass halt auch mal eine Holocaustüberlebende einen Erlebnisbericht vor der Schulklasse gehalten hat und wir einmal auf Klassenausflug in Mauthausen waren, dem bekanntesten KZ auf dem Gebiet des heutigen Österreichs.
Vermutlich hat jeder die Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein bisschen anders erlebt, denn es hängt ja auch stark davon ab, an welche Lehrer man zufällig geraten ist oder wie einem die eigenen Eltern das vermittelt haben. Doch zumindest an meiner Schule konnte von einem "Schuldkult", wie er von AfDlern der Mainstreamgesellschaft mitunter vorgeworfen wird, keine Rede sein. Was wir über das Dritte Reich gelernt haben, war nur gerade so viel, wie man unbedingt gerade benötigt, um die neuere Geschichte Europas verstehen und einordnen zu können. Und eher vielleicht sogar ein bisschen weniger.
Machen wir das mal an einem Beispiel fest... Würde man in einer beliebigen deutschen Großstadt die Leute auf der Straße fragen, was man unter "Porajmos" versteht, wieviele könnten dieses Wort erklären? Ich selbst (als 1984 geborener) könnte es jedenfalls höchstwahrscheinlich nicht, würde ich nicht regelmäßig Spiegel-Online und Wikipedia lesen: Es handelt sich dabei, kurz gesagt, um den Völkermord an den Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs, welcher begrifflich vom Holocaust, dem Mord an den Juden, unterschieden wird. Dem Porajmos fielen mindestens 94.000 Menschen zum Opfer, möglicherweise aber auch 500.000 oder mehr.
Hier sieht man übrigens auch schon, wie kompliziert Geschichte manchmal sein kann: Wir wissen ja noch nicht einmal, wieviele genau ermordet wurden. Und zusätzlich herrscht noch manch eine Verwirrung um die korrekte Bezeichnung dieser Ethnie, denn noch in den fünfziger Jahren hat man sie allgemein nur Zigeuner genannt, und wer heute "Sinti und Roma" sagt, der kann auch ganz schnell mal dem Missverständnis erliegen, dass es sich hier um zwei verschiedene Volksgruppen handelt, während in Wahrheit die Sinti nur eine Untergruppe der Roma sind. Da könnte man sich auch beinahe wünschen, dass wir diese ganze politische Korrektheit einfach mal sein lassen und wieder zu den schönen alten Bezeichnungen zurückkehren - darf man jetzt auch nicht mehr "Zigeunerschnitzel" sagen?
Doch diese interessante und von AfD-Politikern ziemlich oft gestellte Frage möchte ich mir für später aufheben, und stattdessen lieber noch ein wenig beim Porajmos verweilen: Warum muss man diesen Begriff eigentlich kennen? Ist diese Unterscheidung nicht etwas spitzfindig angesichts der Tatsache, dass sowohl Juden als auch Sinti und Roma von den Nationalsozialisten in KZs zum Tod durch Arbeit gezwungen oder vergast wurden - alles zusammen genommen war dann halt einfach der Holocaust?
Der entscheidende Unterschied zwischen Schoah (Holocaust) und Porajmos liegt, so wie ich das verstehe, nicht im Wie, sondern im Warum. Denn die Motivation für diese zwei größten Verbrechen in der neueren europäischen Geschichte war eine jeweils unterschiedliche:
Die Juden wurden deswegen ermordet, weil sie im Durchschnitt reich und gebildet waren, und deswegen zur Zielscheibe von Verschwörungstheorien wurden. Bekanntlich gibt es keine andere Religion oder Volksgruppe auf der Welt, welche im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl so viele Nobelpreisträger stellt wie die Juden; sowohl in der Wirtschaft als auch in Kunst, Literatur und Wissenschaft haben Juden so viel zu Deutschland und zu der Menschheit beigetragen wie keine andere ethnische Gruppe auf dieser Welt.
Die Sinti und Roma mussten unter den Nazis aus genau dem gegenteiligen Grund sterben. Sie waren weniger gebildet als der Durchschnitt der Bevölkerung, und ihnen wurde daher nachgesagt, dass sie einfach zu nichts nütze seien, quasi der Gesamtgesellschaft auf der Tasche lagen. Nur mit dieser Begründung hat man sie damals gleich mit in die Gaskammern gesteckt.
Da nun also diese zwei Völkermorde unterschiedlich motiviert waren, können wir heute auch unterschiedliche Lehren aus ihnen ziehen, und vor allem: Jedes dieser zwei Verbrechen für sich alleine genommen wäre schon Grund genug, das Dritte Reich als dunkelste Zeit in der Geschichte Deutschlands zu bezeichnen, welche sich niemals mehr wiederholen darf.
Eine Gemeinsamkeit von Schoah und Porajmos ist allerdings, das beides (trotz der ungenauen Opferzahl) ziemlich gut dokumentiert ist. Persönlich hat mir der Erlebnisbericht Z 3105: Der Sinto Walter Winter überlebt den Holocaust besonders gut gefallen; vielleicht werde ich früher oder später einmal eine Rezension darüber schreiben. Ich erwähne das, weil es aus meiner Sicht besonders wichtig ist, authentische Berichte über die Zeit des Nationalsozialismus zu lesen, um auch erfolgreich gegen rechts argumentieren zu können.
Was haben diese Geschichten aus der Generation unserer Großeltern mit dieser heutigen Zeit zu tun, mit uns im Jahr 2019? Nun, auch heute noch leben in Deutschland Sinti und Roma. Einige von ihnen sind seit der EU-Osterweiterung aus Rumänien (wo sie geschichtlich ebenfalls Opfer von Verfolgungen waren) hierher eingewandert, andere stammen ganz direkt von denjenigen Sinti ab, die wie Walter Winter damals knapp den Völkermord überlebten.
Es klingt womöglich zu moralisierend, wenn ich jetzt schreibe, dass wir als Deutsche aus dieser historischen Verantwortung heraus Zustände wie hier, hier und hier alleine schon in Frankfurt nicht zulassen sollten.
Deswegen lassen wir mal das mit dem Moralisieren, und wechseln wir doch mal die Perspektive: Wir sind alle Individuen, und ich kann als Deutscher ja nichts dafür, in was für ein Land oder was für eine Kultur ich zufällig hineingeboren worden bin... Doch wenn das so ist, dann müssen wir uns das gleiche natürlich auch in Bezug auf die Sinti und Roma sagen: Wer in eine solche Familie hineingeboren wurde, der kann nichts dafür und sollte dieselben Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten haben wie ich als Deutscher.
So oder so, ob von einem kollektiven oder von einem individuellen Werteverständnis aus betrachtet, kann man sagen, dass die Sinti und Roma im Augenblick ziemlich schäbig (und ganz bestimmt jedenfalls nicht zu gut) von uns behandelt werden. Daran ändern auch diverse Interessensverbände, die zwischenzeitlich eingerichtet wurden, und rührselige Klänge in Geschichtsdokufilmen nicht viel. Wie können wir diesen Leuten tatsächlich helfen, und zwar mit mehr als nur einem Almosen? Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen!
Wem da jetzt immer noch reflexartig die Frage durch den Kopf schießt, ob es denn Sinn macht, ausgerechnet den Sinti und Roma mit ihren Kartonhütten und Dixi-Klos ein so großzügiges Geschenk wie das bGE in voller Höhe zu geben: der hat sich entweder noch nicht richtig mit der Philosophie hinter dem bGE beschäftigt. Oder er verdrängt geschichtliche Tatsachen.

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8. Oktober 2019 [allgemein]
Über diesen Blog
Über die rechtspopulistische Partei AfD wird zurzeit in Deutschland sehr viel gestritten. Soll man sie ernst nehmen, soll man sie lieber ignorieren? Viele ihrer Ansichten sind ziemlich abstrus, etwa in Bezug auf den Klimawandel, aber dennoch wird diese Partei von vielen gewählt, und aktuell hat sie sogar schon über zehn Prozent der Sitze im Bundestag inne. Wenn schon über sonst nichts, dann sollten wir uns zumindest darüber Gedanken machen, warum zehn Prozent der aktiven Wähler eine solche Partei wählen: Sind diese zehn Prozent alles böse Menschen? Sind sie frustriert, wollen sie einfach bloß provozieren? Zu sagen "das interessiert mich nicht", scheint mir kein demokratischer Geist zu sein... Zu denken geben sollte uns außerdem, dass rechtspopulistische Parteien erfahrungsgemäß immer dann am meisten Zulauf bekommen, wenn es einem Land wirtschaftlich schlecht geht und die Arbeitslosigkeit hoch ist. In Deutschland haben wir augenblicklich nahezu Vollbeschäftigung - was wird da noch auf uns zukommen, wenn diese wirtschaftliche Hochkonjunktur eines Tages wieder zu Ende geht?
Ohne irgendwie alarmistisch sein zu wollen, scheint mir doch klar zu sein, dass die Argumente der AfD zu kennen und sich damit auseinandergesetzt zu haben, uns in der Zukunft noch sehr nützlich sein kann. Und gegen die AfD zu argumentieren ist gar nicht so schwer, man muss nur wissen wie.
Doch wer ist die AfD, und was macht ihre unheilvolle Faszination aus? Meine Vermutung dazu ist folgende: Die allermeisten Parteien in Deutschland versuchen, modern und progressiv zu sein, stecken aber in Wahrheit doch noch irgendwie in alten Denkmustern. Die SPD erklärt sich die Welt nach denselben Mustern wie in den siebziger Jahren, die Gründen so wie in den achtziger Jahren, CDU und FDP so wie in den fünfziger oder sechziger Jahren. Die AfD ist da kein bisschen anders, nur mit einem Unterschied: Sie tut noch nicht einmal so, als wäre sie besonders progressiv. Und dadurch wirken AfD-Politiker auf manche Leute ehrlicher ("bodenständiger") als Politiker anderer Parteien.
Klingt das verrückt? Doch mir scheint das allemal realistischer als zehn Prozent der Bevölkerung einfach so aus dem Ärmel heraus zu unterstellen, dass sie Nazis sind.
In diesem Blog werde ich mich bemühen, die Denkfehler der AfD einen nach dem anderen aufzudecken, und zwar ganz sachlich und frei von Polemik. Wem das womöglich naiv erscheint, weil man mit Leuten von der AfD "doch sowieso nicht diskutieren kann", dem sei gesagt: Auch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens scheint vielen erst mal naiv, wenn sie zum ersten Mal davon hören. Doch je länger man über das bGE nachdenkt, desto mehr kommt man drauf, dass es eigentlich gar nicht so weit entfernt und utopisch ist, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Und genauso ist ein Deutschland ohne rechtspopulistische Fraktion im Bundestag vielleicht auch gar nicht so weit entfernt, wie wir alle denken.
Wenn wir uns alle politisch ein bisschen engagieren, anstatt den Dingen nur immer ihren unheilvollen Lauf zu lassen, dann ist die Vision dieses Blogs - bGE statt AfD - vielleicht schon in nicht allzu weit entfernter Zukunft Realität.